Erwin Lehner treibt Perfektion auf die Spitze

,

Eigentlich, sagt Tischler Erwin Lehner, hätte er sich viel früher selbstständig machen sollen. Das bedeutet natürlich ein Risiko und ohne arbeiten geht da nichts. Aber dafür ist er frei und wenn man frei ist, bedeutet das eine höhere innere Zufriedenheit. Weil man alles viel lieber macht und weil man es so machen kann, wie man es selbst will. Er findet, wenn man einen Baum aus dem Wald holt, ihn schneiden lässt, überlegt, was man daraus machen kannt und das dann umsetzt, dann ist das ein sehr ganzheitlicher Ansatz

Interview: Elisabeth Egle und Klaus Egle, Fotos: merkenswert.at

Erwin Lehner, wie sind Sie überhaupt zum Tischlerhandwerk gekommen… war es Liebe auf den ersten Blick?
Es war mit 15 Jahren sicher keine bewusste Entscheidung. Der „Feinmechaniker“ war auch eine Option, aber ich habe schon in der Schule sehr gerne mit Holz gearbeitet – weil es für mich immer ein lebender Werkstoff ist. Dann habe ich in der Tischlerei Öfferl in Wultendorf die Lehre begonnen und bin regelrecht aufgelebt. Es war eine gute Lehre, weil wir wirklich etwas tun durften – im zweiten Lehrjahr habe ich schon alleine Küchen gemacht. Wir waren universell unterwegs, haben von Fenstern über Küchen bis zu Stiegen alles gemacht. Und auch die Maschinen haben wir selber repariert – das hat mir auch später viel geholfen, dass ich das kann.

Im zweiten Lehrjahr habe ich schon alleine Küchen gebaut.

Sie waren 56 Jahr alt, als Sie Ihren Betrieb gegründet haben. Was war der Grund?
Der Betrieb hat zugesperrt, ganz einfach. Ich war 40 Jahre dort, aber mit dem Gedanken der Selbstständigkeit habe ich schon lange gespielt.

Wie ging es dann weiter? An Ihrem Haus gibt es nicht einmal ein Firmenschild, wie kamen Sie zu Ihren Kunden? 
Das ist sicher mit den Jahren gewachsen, vieles geht über Mundpropaganda.

Und warum kommen die Kunden gerade zu Ihnen?
Meine Kunden sagen sich: Ich will in der Region bleiben und ich will eine g’scheite Qualität haben. Bei mir wissen sie, dass ich mir bei der Arbeit etwas denke. Außerdem schätzen sie, dass ich alles machen kann und auf ihre Wünsche eingehe. Wenn jemand sagt, er möchte eine alte Tür, dann mache ich die Tür genau so, dass wir beide zufrieden sind. Damit ist es wirklich perfekt!

Was muss man als Handwerker noch haben um die Kunden zufrieden zu stellen?
Man braucht ein richtig gutes Vorstellungsvermögen, weil man viel beim Kunden vor Ort ist. Und man sollte gut zuhören können. Meine große Leidenschaft sind Küchen. Bei einer Küche muss zuerst der Arbeitsablauf passen, dann kann man erst mit dem Gestalten beginnen. Was nutzt die schönste Gestaltung, wenn der Ablauf nicht passt? Am Schönsten ist es für mich, wenn die Frauen ihre ganz persönliche Wunschküche erklären, weil sie fast immer diejenigen sind, die kochen. Das ist für mich der Auftakt einer sehr guten Zusammenarbeit.

Und sind Ihre Kunden immer zufrieden?
Wenn ich mit meinen Kunden etwas ausmache, dann muss es so sein, dass sie zufrieden sind. Und wenn sie es sind, bin ich es auch. Ich will nur gute Arbeit machen, etwas anderes interessiert mich nicht. Am Ende sind 99 Prozent meiner Kunden absolut zufrieden, darum kann ich auch mit neuen Kunden vorbeikommen und Ihnen zum Beispiel die Küchen zeigen, die ich gemacht habe. So wird jeder Kunde praktisch zum privaten Küchen-Schauraum.

Während ich zeichne, baue ich im Kopf bereits das Werkstück.

Wie kann man sich dann den Arbeitsprozess bei Ihnen vorstellen?
Nachdem mit dem Kunden alles besprochen ist, zeichne ich die Entwürfe. Das mache ich nach wie vor lieber mit der Hand als mit dem Computer, wo es vorgefertigte Elemente gibt. Denn während ich zeichne, baue ich im Kopf bereits das Werkstück in allen Details. Anschließend schaut sich der Kunde das an, sagt, passt oder passt nicht, aber meistens passt es gleich.

Finden Sie, dass ein Handwerk mit der Zeit gehen muss?
Ganz klar. Auch ich muss mich weiterentwickeln und die Dinge so machen, wie es heute der Stil ist. Da geht es um neue Materialien, Farben und Ideen. Das Können ist aber das, was bleibt.

In Ihrer riesigen Werkstatt könnten zehn Leute arbeiten, warum arbeiten Sie allein? 
Mit mir zusammenzuarbeiten ist sicher nicht einfach, weil ich alles perfekt haben will – also arbeite ich am liebsten allein.

Wie geht das, dass Sie das alles alleine machen können?
Die Tischlerei habe ich mir so gebaut und eingerichtet, dass ich das machen kann. Ich habe Gabelstapler in unterschiedlichen Größen und an der Decke habe ich mir einen Kran montiert – die Maschinen sind also sozusagen meine Gehilfen. Die Bearbeitungsmaschinen habe ich mir zum Teil auch selber hergerichtet, so wie ich sie brauche. Und eine Maschine nach der anderen habe ich erneuert. Jetzt bin ich auf dem aktuellsten Stand.

Bei uns Tischlern geht es um Individualität, Nachhaltigkeit und kreatives Denken in Lösungen.

Die Möbelhäuser boomen, jedes Jahr gibt es neue Trends, ein ständiger Stilwechsel findet bei Einrichtungen statt. Hat da das Tischlerhandwerk Zukunft?
Es hat eine Zukunft. Viele Leute finden, in den Möbelhäusern kaufen sie billiger ein. Was sie auch tun, aber nach fünf Jahren schmeißen sie die Möbel wieder weg und fördern die Müllberge. Es ist immer die Frage, was man will. Bei uns Tischlern geht es um Individualität, Nachhaltigkeit und kreatives Denken in Lösungen. Eine alte schöne Tür kann man zum Beispiel auch aufdoppeln. Eine gewisse Zielgruppe weiß, was sie durch uns bekommt. Wenn ein Tischer Möbel macht, hat man die 30 bis 40 Jahre, wenn man will.

Ist es Nachteil für Sie hier am Land zu sein?
Das Gebiet hier ist kein Nachteil. Als ich zu lernen begonnen habe, hatten wir sieben bis acht Tischler hier. Es wäre genug Arbeit da, man muss sie aber auch wollen und gerne machen, dann wird sie auch anständig bezahlt. Es gibt genügend Leute, die lieber zum Tischler gehen, wenn sie ein schönes Möbelstück oder eine Einrichtung brauchen.

Der Breitbandausbau am Land läuft auf Hochtouren. Was bringt Ihnen die Digitalisierung?
Für das Zeigen von Referenzen verwende ich ein Tablet, am Handy sind viele Fotos von Werkstücken und auf Facebook bin ich auch. Die Digitalisierung hilft mir also bei der Kommunikation.

Was treibt Sie an?
Egal, was ich mache, ich habe eine große Leidenschaft zur Tischlerei und zum Holz. Ich arbeite sogar mit zwei Werkstoffen, Holz und Eisen, weil alles in eins geht. Wenn du in einem Handwerk arbeiten willst, macht jedes Handwerk Freude. Da kannst du alles machen. Zum Beispiel das schönste und gleichzeitig verrückteste Werkstück für mich ist ein Wohnzimmerschrank.
Der alte Birnbaum hat sich beim Wachsen über die Jahrzehnte gedreht und ich habe diese Drehung mit eingearbeitet. So etwas macht mir wirklich Freude.

Gibt es etwas in Ihrer Berufskarriere, auf das Sie besonders stolz sind?
Auf meine Werkstatt. Sie ist mein Lebenswerk. Solange ich lebe, werde ich sie nie verkaufen. Sie bereitet mir eine Freude bis zum Schluss.


Tischlerei Erwin Lehner
Feuerwehrgasse 17/1
2134 Enzersdorf bei Staatz
lehner.tischlerei@aon.at
+43 680 / 2003152

.