Regina und Hans-Peter Lorenz: Leben im Kaufhaus

Wenn Häuser ihre alte Bestimmung verloren haben, kann man sie abreißen – oder mit neuem Leben füllen. So wie das ehemalige Kaufhaus aus dem Jahr 1802 in Staatz unterhalb der Staatzer Burgruine  und schräg vis a vis der Kirche. Dort leben seit 12 Jahren die Wienerin Regina und der Steirer Hans-Peter Lorenz mit ihren drei Neufundländern und zwei Rassekatzen ebenerdig auf 250 Quadratmetern. Wir besuchen die ehemalige Verwaltungsbeamtin und den seit einem Jahr pensionierten Vermessungstechniker, und sprechen darüber, wie alles angefangen hat und wie es sich anfühlt, in einem Haus mit einem Nord- und Westflügel zu leben. 

Interview und Fotos: Elisabeth Egle

Es war einmal eine Vermischtwarenhandlung.
Lehrlinge werden gesucht!
Die vier eingemauerten Schmuck-Köpfe in der Außenmauer könnten viel erzählen.
Mit viel Energie und großer Liebe zum Detail haben sich Regina und Hans-Peter Lorenz den Traum vom unkonventionellen Wohnen erfüllt.

In diesem Haus ist nichts nieder.

Hans-Peter Lorenz

Elisabeth Egle: Von Wien und Hagenbrunn ins sehr dörfliche Weinviertel. Erzählt uns, wie und warum ihr auf euer Haus in Staatz aufmerksam geworden seid?
Regina Lorenz:
Wir haben über 15 Jahre in einer schönen Doppelhaushälfte mit drei Stockwerken in Hagenbrunn gewohnt. Jünger werden wir nicht und so haben wir begonnen, ein neues Haus zu suchen, in dem alles ebenerdig ist. 
Hans-Peter Lorenz: Es gab noch einen weiteren Grund für den Hauswechsel. Wir haben uns den ersten Hund in Hagenbrunn zugelegt. Die Treppe war eine offene Holztreppe. Für einen Hund nicht optimal und das Grundstück war dann mit einem Neufundländer viel zu klein. 

Elisabeth Egle: Und warum gerade Staatz? 
Hans-Peter Lorenz:
Das neue Haus sollte schon in der Nähe von Wien sein, aber richtig Wiennähe ist nicht leistbar gewesen. So haben wir den Radius ausgeweitet. Wir haben uns im Raum Hollabrunn viele Häuser angeschaut. Entweder waren sie zu klein, zu feucht oder sie hatten niedrige Zimmer. In diesem Haus ist nichts nieder. Der niedrigste Raum ist das Badezimmer mit 3,20 Meter hoch und der höchste hat vier Meter. 
Regina Lorenz: Dieses Haus habe ich zufällig auf einer Onlineplattform gesehen, auf der wir schon alles mögliche von Motorrädern über Hunde bis hin zu Vintagemöbeln gekauft haben. Die Fotos haben mir total gut gefallen. Eines hat den Blick vom Garten aus hinauf zur Kirche gezeigt und ein anderes das Kaminzimmer mit den Doppelflügeltüren. Wir haben immer gesagt, wir wünschen uns ein altes Haus. Es sollte etwas Weinviertlerisches sein, entweder ein Hakenhof mit Arkaden oder ein Bauernhaus, aber kein konventionelles Wohnhaus. Und schon gar kein Neubau.

Die kleine Terrasse schaut in den über 3.800 Quadratmeter großen Garten und ist im Sommer ein schöner Platz im Baumschatten.
So gemütlich, wenn im Kamin das Feuer hell brennt.
Der verträumte Blick hinauf zur Staatzer Kirche.
Die mächtige Doppelflügeltür, in die sich Regina Lorenz verliebt hat, verbindet die Küche mit dem Wohnzimmer.
Viele Vintage-Sammlerstücke adeln den Wohnbereich.

Ich bin rein in das Haus und habe mich auf Anhieb wohl gefühlt.

Regina Lorenz

Elisabeth Egle: Wann habt ihr euer Haus zum ersten Mal in echt gesehen? 
Hans-Peter Lorenz:
Mir hat es auf den Fotos weniger gut gefallen, weil es den Eindruck vermittelt hat, es liegt direkt an einer Straße. Dann sind wir eines Tages zufällig durch Staatz gefahren und haben uns gesagt, machen wir einen kleinen Spaziergang, vielleicht sehen wir das Haus. Wir biegen um die Kurve bei der Kirche oben und da stand es. Das hat so toll ausgeschaut. Es war außen relativ gut renoviert, das Schild „Zum Verkaufen“ stand noch im Fenster und wir haben sofort angerufen. 
Regina Lorenz: Eingezogen sind wir vor zwölf Jahren zu dritt – zwei Erwachsene und eine Hündin.

Elisabeth Egle: Wisst ihr mehr über die Geschichte des Hauses?
Hans-Peter Lorenz: Gebaut wurde es 1802, dann war es von 1860 weg ein Kaufhaus bis zu Beginn der 1980er Jahre. Ich habe viel recherchiert, weil mich die Geschichte von Staatz interessiert hat, aber habe leider nicht viel über das Kaufhaus selbst gefunden. Das war dafür später mein „Einstieg“ als Staatzer Burgruinen-Führer.

Maximal zweimal die Woche ging es nach Wien – den Rest der Woche war der ehemalige Vermessungstechniker beruflich in ganz Österreich im Einsatz.

Der heutige Eingang war auch der Eingang damals in das Kaufhaus, das aus einem 100 Quadratmeter großen Verkaufsraum bestand.
Dexter ist eine von zwei Rassekatzen, die auch zur Familie gehören.
Drei Champions, einer davon ein Deckrüde, ruhen auf dem von Hans-Peter Lorenz mit historischen Dachbodenziegeln selbst verlegten Boden im Vorraum.

Wir haben nicht viele Räume, aber die sind dafür sehr groß.

Hans-Peter Lorenz

Elisabeth Egle: Welche Renovierungsarbeiten habt ihr sofort vorgenommen?
Hans-Peter Lorenz:
Die Vorbesitzer hatten das Dach neu gedeckt und eine neue Heizung installiert. Wir haben ein zweites Badezimmer mit einem zweiten WC eingebaut, weil wir das bestehende Badzimmer gleich saniert haben. Die Elektrik haben wir komplett erneuert, hunderte Meter Kabel wurden verlegt, eine neue Küche eingebaut und dann laufend saniert.

Elisabeth Egle: Macht das mit einem etwas, wenn man in so einem alten Haus wohnt?
Hans-Peter Lorenz:
Das Haus ist schon beeindruckend. Wir haben zwar nicht viele Räume, aber die sind dafür sehr groß. Vier davon haben jeweils über 30 Quadratmeter. Das Raumklima ist komplett anders, viel angenehmer. Das Haus ist nur zum Teil unterkellert, der Rest ist ein Bodenaufbau gefüllt mit Schlacke und Erde und der Holzboden liegt auf Polsterhölzern. Es ist aber nie kalt. 
Regina Lorenz: Ich bin rein in das Haus und habe mich auf Anhieb wohl gefühlt. Obwohl, viele Freunde haben sich doch etwas gewundert, dass wir etwas Altes gekauft haben.

Der schöne alte Fichtenboden mit seinen 60 cm breiten Dielen war beim Einzug mit einer sehr dicken öligen Schicht Büffelwachs versiegelt. Hans-Peter Lorenz hat sie in vielen Stunden Arbeit mühsam davon befreit.

Die Looks aus den früheren Jahre gefallen uns. 

Regina Lorenz

Elisabeth Egle: Und wie habt ihr dieses Haus mit Möbeln gefüllt?
Hans-Peter Lorenz:
Es war nichts herrinnen. Den Boden im Vorraum habe ich mit den alten Dachbodenziegeln aus dem Haus neu verlegt. Die vielen Pendeluhren sammle ich und ziehe sie jeden Sonntag auf. Der alte Kachelofen stammt aus Wien.
Regina Lorenz: Praktisch alles über Onlineplattformen. Die Küche haben wir neu eingebaut und der Tisch in der Küche, das ist der dritte seit unserem Einzug, ist aus einem Schloss im Waldviertel. Uns gefallen überhaupt die Looks aus den früheren Jahren. 

Elisabeth Egle: Habt Ihr einen Tipp für alle, die mit dem Gedanken spielen, ein altes Haus zu kaufen?
Hans-Peter Lorenz: Wichtig ist, dass das Dach intakt ist. Die Elektrik ist auch ziemlich wichtig, denn die Geräte sind heute modern und die Stromleitungen halten das nicht aus. Eine dementsprechende Heizung, die das Haus heizen kann, sollte auch vorhanden sein.

Uns kann es gar nicht groß genug sein.

Regina Lorenz

Elisabeth Egle: Was ist euer Fazit nach 12 Jahren Hierwohnen? 
Regina Lorenz: Ein Abstellraum geht mir sehr ab. In dem ich den Staubsauger und die Besen verschwinden lassen kann. Die Räume sind vorgegeben und man lebt mit ihnen. Natürlich kann man etwas abteilen, aber das wollten wir nicht.
Hans-Peter Lorenz: Das Vorzimmer wurde schon vor unserem Einzug abgeteilt. Das war ein einziger großer Raum mit über 100 Quadratmeter. Dort war auch ursprünglich der Eingang zum Kaufhaus. Von Petroleum über Nägel bis zu Milch und Wurst, auch Gewand und Gerätschaften, konnte man alles kaufen. Wo wir jetzt sitzen, war der damalige Wohnbereich.

Der Staatzer Berg mit der Burgruine Staatz beeindruckt immer wieder neu.
Das repräsentative Bild im Stil von Hans Markart, ein Dachbodenfund in der Nähe von Falkenstein, wurde, wie praktisch alles im Haus, online ergattert.

Elisabeth Egle: Der Garten ist mit seinen über 3.800 Quadratmetern schon mehr ein Park – nach vielen Jahren Gartenarbeit, wie beurteilt ihr die Größe heute?
Regina Lorenz: Die Größe ist für uns kein Hindernis. Unser Wunsch war immer ein großer Garten mit mindestens 2.500 Quadratmetern. Wir hatten schon in Hagenbrunn vor, noch einen zweiten Hund zu nehmen und dazu auch das Bedürfnis, uns auszubreiten. Uns kann es gar nicht groß genug sein (lacht). 

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