Michael Eigl macht Massanzüge auf zwei Rädern.

Eine Geschäftsidee zu haben, bedeutet nicht immer, Dinge neu zu erfinden. Oft reicht es, das Vorhandene neu zu definieren und zu digitalisieren. So macht es Michael Eigl mit seiner Radmandufaktur Eigl Bikes in Hollabrunn. Der gelernte Elektrotechniker war als Projektmanager im Maschinen- und Anlagenbau jahrelang international tätig und hat sich nun zum Rahmenbauer von Fahrrädern und Bikes ausbilden lassen. Mit dieser Spezialisierung schafft er seit Mitte 2019 für sich und seine Kunden unverzichtbare Mehrwerte.

Interview und Fotos: Elisabeth Egle und Klaus Egle


Elisabeth Egle: Michael Eigl, gibt es nach eineinhalb Jahren Gründung von Eigl Bikes ein erstes Fazit?
Michael Eigl:
Für mich ist die Selbständigkeit grundsätzlich nichts Neues. Ich komme ursprünglich aus dem Industrieanlagenbau und habe mich in diesem Bereich das erste Mal 1998 selbständig gemacht. Dann bin ich 20 Jahre lang mit dem Flieger in die Arbeit „gefahren“: hauptsächlich im Bereich Wasseraufbereitung, Biogasaufbereitung – umwelttechnischer Anlagenbau und das auf der ganzen Welt – von Ägypten über Iran nach Deutschland, Frankreich und England. Nach über 20 Jahren in der Welt der Konzerne wollte ich nicht mehr für Dinge verantwortlich gemacht werden, die ich selbst gar nicht entscheiden konnte, da fühlte ich mich irgendwann eingesperrt. Ich bin der Meinung, dass Handwerk nach wie vor einen goldenen Boden hat und nachdem ich lange Zeit mein Geld mit Reden verdient habe, wollte ich was tun.

Elisabeth Egle: Was haben Sie getan um bekannt zu werden?
Michael Eigl:
Branding. Mit einem eigenen Logo, das ich möglichst breit kommuniziert habe. Mit einer Schiene von Merchandise-Produkten, einer guten Homepage. Ich habe auch die Presse angesprochen, versucht in die Breite zu gehen und so möglichst sichtbar zu sein.

Ich bin der Meinung, dass Handwerk nach wie vor einen goldenen Boden hat und nachdem ich lange Zeit mein Geld mit Reden verdient habe, wollte ich was tun.

Elisabeth Egle: Sie waren ja auch für den Creative Business Award der New Design University nominiert – hat das was gebracht?
Michal Eigl:
Ja und Nein. Ich habe aufgrund dessen bisher zwar keine neuen Aufträge lukriert, aber es war auf jeden Fall gute Publicity. Es war eine total nette Erfahrung und für mich der Anstoß, endlich einmal meinen Business-Plan zu finalisieren. Den habe ich zwar von Anfang an gemacht, aber es ging dann noch ums Ausformulieren.

Es gibt eben auch Enthusiasten, und viele wollen sich auch einfach diese Individualität leisten.

Elisabeth Egle: Wenn Zweifel oder Fragen von Freunden kommen, ob das auch alles was wird… was hilft Ihnen da?
Michael Eigl:
Radfahren. Die Bewegung wirkt super zum Durchlüften und das Hirn frei kriegen. Aber natürlich gibt es auch immer wieder Zweifel, wo ich mir denke, „ich brauche für alles viel zu lange“, „eigentlich sollte ich schon längst fertig sein“ oder „ich mache viel zu viel nebenbei“; Dinge die ich mache um quasi die Kassa zu füllen, die aber eigentlich gar nicht mein Kerngeschäft sind. Aber um das, was ich am liebsten mache, nämlich Räder zu bauen, auch machen zu können, braucht es auch ein bisschen Kapital. Der Markt ist ja nicht sehr breit und die Leute, die sich ein Rad nach Maß fertigen lassen sitzen auch nicht unbedingt in der nächsten Umgebung.

Elisabeth Egle: Warum lässt man sich überhaupt einen Fahrrad-Rahmen bauen – den gibt es doch zu kaufen, zum Beispiel in Taiwan, die sollen ja die Rahmen-Könige überhaupt sein?
Michael Eigl:
Ja, die sind absolut die Besten in der Großserien-Fertigung. Aber nicht jeder passt auf ein Großserien-Rad. Es gibt eben auch Enthusiasten und viele wollen sich auch einfach diese Individualität leisten. Wir erleben gerade eine Spaltung der Gesellschaft: Auf der einen Seite die „Geiz-ist-Geil“-Mentalität, auf der anderen Seite die Leute, die nachhaltiger arbeiten, wirtschaften und konsumieren wollen. Das ist die Kundschaft, die ich anspreche.

Jetzt geht der Trend wieder hin zu kleinen Handwerksbetrieben und es gibt auch wieder mehr Rahmenbauer – weil es einfach ein cooles Handwerk ist.

Elisabeth Egle: Was unterscheidet Sie jetzt von den anderen handwerklich arbeitenden Rahmenbauern?
Michael Eigl:
Ich erstelle für jedes Projekt eine handgemalte Designstudie, damit der Kunde schon vorab weiß, wie sein Rad später einmal im Detail aussehen wird. Die Originalzeichnung wird dem Kunden, in gerahmter Form, gemeinsam mit seinem Bike übergeben.
Zudem habe ich mir ein sogenanntes Fitting-Bike gebaut, das in sämtlichen Längen und Winkeln einstellbar ist. Damit kann jeder Kunde, der die Möglichkeit hat, persönlich zu mir zu kommen, ausprobieren, wie sich sein Rad später anfühlen wird. Diese Fitting-Bike Session wird von einem Physiotherapeuten begleitet, der noch einmal aus anatomischer Sicht darauf achtet, dass die Ergonomie stimmt.

Elisabeth Egle: Ist der Zeitpunkt für Ihre Gründung günstig gewesen?
Michael Eigl:
Vor zehn Jahren wäre es wahrscheinlich noch einfacher gewesen. Jetzt geht der Trend wieder hin zu kleinen Handwerksbetrieben und es gibt auch wieder mehr Rahmenbauer – weil es einfach ein cooles Handwerk ist.

Der Rahmen, den ich mache, ist wie ein Massanzug.

Elisabeth Egle: Wenn ich jetzt einen Rahmen oder ein Rad bei Ihnen bauen lasse – was unterscheidet es von einem „fertig gekauften“ Rad?
Michael Eigl:
Der Rahmen, den ich mache, ist wie ein Maßanzug. Der ist nicht nur genau auf die Körpermaße abgestimmt sondern auch auf den geplanten Verwendungszweck. Will ich eine möglichst hohe Leistungsausbeute oder lieber doch auch bequem sitzen. Und es ist ja nicht jeder Mensch gleich gebaut. Ich habe besonders lange Beine und einen kürzeren Oberkörper – da passt ein Standard-Rahmen überhaupt nicht. Außerdem habe ich alle Möglichkeiten, wie ich das Rad dann ausgestalte. Seien jetzt Ösen zur Gepäckmontage, Riemenantrieb oder gar ein Klappmechanismus für einfacheres Verreisen – alles ist möglich.

Elisabeth Egle: Sie arbeiten auch vernetzt. Unter anderem mit dem Radgeschäft „STM“ in Hollabrunn, das auf E-Bikes und E-Roller spezialisiert hat. Wie sieht das aus?
Michael Eigl:
Wir entwickeln gemeinsam E-Fahrzeuge wie den „Roten Baron“, eine Art Retro Cruiser-Rad als Konzeptfahrzeug, mit dem wir aufzeigen wollten, was alles möglich ist. Der macht mit e-Antrieb 90 km/H – also das Ding ist echt böse!

Elisabeth Egle: Wo kommen eigentlich Ihre Kunden her?
Michael Eigl:
Momentan noch hauptsächlich aus der Region, das sollte sich aber ändern, weil das Zielpublikum hier doch zu klein ist. Das Ziel ist es, international zu werden – darum auch gleich die zweisprachige Homepage in deutsch und englisch. Ich möchte auch unbedingt auf die „EHBE“ (european handmade bicycle exhibition), die „VELOBerlin“ und die „Bespoked – The UK Handmade Bicycle Show“ – das sind für unsere Branche die internationalen Leitmessen.

So habe ich für einen Kunden, der nach einem Schlaganfall seine linke Hand nicht bewegen konnte, Bremse und Schaltung auf eine Seite gelegt. Alles ist möglich.

Elisabeth Egle: Wie weit hilft Ihnen die Digitalisierung in Ihrem Business?
Michael Eigl:
Man muss einmal persönlich gesehen worden sein, mit dem Kunden gesprochen haben, der Kunde muss ein Gefühl für den Stil und die Arbeitsweise bekommen, danach funktioniert auch Social Media super, wobei es je nach Thema total unterschiedlich ist, was in welchem Kanal gut läuft.

Elisabeth Egle: Wie viele Stunden investieren Sie, bis ein Rad fertig ist?
Michael Eigl:
Passt nicht immer, aber für ein Standard-Rad rechne ich etwa 50 bis 70 Stunden, sprich: Jedes Rad ist ein Projekt. Dieser Rahmen (Anm. Red.: zeigt auf einen Rahmen in der Werkstatt) hier ist zum Beispiel aufwändiger. Der Kunde hat Rückenprobleme und bekommt eine Art „Softail“-Rennrad, das hinten eine Dämpfung hat.


Elisabeth Egle: Was ist für Ihre Kunden wichtiger: Die Schönheit oder die Ergonomie?
Michael Eigl:
Bis jetzt eher die Ergonomie – aber mit einem ästhetischen Aspekt.

Elisabeth Egle: Wie sieht jetzt Ihr Portfolio aus?
Michael Eigl:
Sehr individuell. Der Trend geht zum Beispiel auch in Richtung Lastenräder. Und ich habe eine Anfrage von einem Erdbeer-Bauern für eine elektrisch betrieben Erntemaschine bekommen – einer Art „Gurken-Flieger“ für Erdbeeren. Genauso mache ich Fahrzeuge für Leute die Einschränkungen der Beweglichkeit haben. So habe ich für einen Kunden, der nach einem Schlaganfall seine linke Hand nicht bewegen konnte, Bremse und Schaltung auf eine Seite gelegt. Alles ist möglich.

eigl-bikes e.U.
Anton-Ehrenfried Straße 20
2020 Hollabrunn
www.eigl-bikes.com