Lena Mayr revitalisiert eine alte Mühle und möchte mit ihrem Projekt das Image alter Häuser sanieren

Interview und Fotos: Elisabeth Egle und Klaus Egle

Lena Mayr kannte Altenmarkt im Thale nur als Ortsschild auf ihrem Weg in die Schule nach Hollabrunn bevor sie durch ihren zukünftigen Mann Ulrich richtig hierherkam. Das war sieben Jahre nach ihrer letzten Busfahrt durch den Ort. Als sie zum ersten Mal Ulrichs Zuhause besucht, sieht sie das Nachbarhaus. Es ist riesig, alt und wunderschön. Eine ehemalige Mühle mit einer aufgelassenen Tischlerwerkstatt und einem intakten Dachstuhl, wie sich in den folgenden Besichtigungen herausstellt. Die Mühle steht seit 15 Jahren leer. Der Vorgarten ist gepflegt, die Vorhänge säumen fein säuberlich die Fenster. Romantisch. Man könnte sagen, es war Liebe auf den ersten Blick. Im Sommer 2018 haben Ulrich und sie die Mühle mit ihren 4.000 m2 Grund gekauft und mit der Sanierung in Eigenregie begonnen. Sie planen, noch in diesem Jahr einzuziehen. Ein kleines Café schwebt ihnen vor und ein Coworking-Space. Lena Mayr schreibt an der Universität für Bodenkultur gerade ihre Masterarbeit im Studiengang Landschaftsplanung und Landschaftsarchitektur mit der Spezialisierung auf Raumplanung und Regionalentwicklung.

Die ehemaligen Wohn- und Schlafräume machen Platz für eine neue Nutzung.

Als ich zum ersten Mal hier war, habe ich in dem Haus keine Ruine gesehen, sondern ein Zuhause.

Elisabeth Egle: Ziemlich viele Weinviertler Gemeinden sehen inzwischen aus wie ein Donut. Im Ortskern viele leere Häuser und am Ortsrand wird fröhlich neu und enorm raumgreifend gebaut. Wenn man sich umschaut, gewinnt man den Eindruck, es ist billiger und attraktiver neu zu bauen. Warum sanieren Sie ein altes Haus bis auf die Grundmauern? 
Lena Mayr:
Es ist die Leidenschaft für das Alte, das schon da ist, und das, was man daraus machen kann. Als ich zum ersten Mal hier war, habe ich in dem Haus keine Ruine gesehen, sondern ein Zuhause. In meiner Bachelorarbeit im Jahr 2014 habe ich über die leerstehenden Bauernhäuser in Ortskernen im Weinviertel geschrieben, wie ihre alte Bausubstanz zum Dorfleben gehört und warum sie erhaltenswert ist. Und ich habe mich gefragt, warum wir seit zig Jahren über Ortskern-Revitalisierung sprechen, aber nichts passiert. Diese wundervollen Bausubstanzen müssten doch heiß begehrte Sanierungsobjekte sein. Stattdessen verfallen sie. 

Wir haben praktisch einen intakten Rohbau gekauft. 

Elisabeth Egle: In Ihrer Masterarbeit beziehen Sie noch mehr Faktoren mit ein.  
Lena Mayr: Darin geht es um die klimatischen Auswirkungen der enormen Flächen-Inanspruchnahme und wie Energieraumplanung und intelligente Nutzung des Altbestandes klimapositiv wirken können. Es geht nicht immer ums Optimieren, ums Energie- und Geldsparen. Damit erreicht man, meiner Ansicht nach, die Menschen nicht tiefgründig genug. 

Elisabeth Egle: Die Sanierung von alten Häusern kann aber sehr teuer werden. Wann lohnt sie sich Ihrer Meinung nach?
Lena Mayr
: So kann ich das gar nicht richtig beantworten, weil wir uns die Kostenfrage am Anfang nicht gestellt haben. Die Leidenschaft war so groß. Wir haben geschaut, ist das Dach und das Mauerwerk noch halbwegs in Ordnung und haben mit der Einstellung gekauft, dass uns keine Arbeit zu viel ist.  Preislich ist jedes Haus einzeln zu bewerten. Gute Sanierungsexperten sind außerdem rar und teuer. Eine Sanierung von alter Bausubstanz wie hier lohnt sich nur, wenn alle am Projekt beteiligten eine Leidenschaft dafür haben. Es muss sehr viel aus einem selbst kommen. 
Die Bausubstanz der Mühle ist perfekt, die Mauern sehr dick und obwohl hier das Grundwasser sehr hoch ist, haben wir keinen Schimmel – wir haben praktisch einen intakten Rohbau gekauft. Wir wissen, dass dieses Haus leistbar ist. Und wenn sich dennoch herausstellen sollte, dass ein Teil nicht mehr sanierungsfähig ist, dann bleibt er eben einfach einmal stehen.

Um eine attraktive Gemeinde für Junge und Ältere zu sein, gibt es mehr Trigger als nur günstige Bauplätze. 

Elisabeth Egle: Sie sind jung und damit die idealen Zuzugs-Kandidaten für Gemeinden mit Bauplätzen im Angebot. Sind Bauplätze die Lösung, um Junge in Gemeinden zu holen? 
Lena Mayr:
Ich glaube, um Junge zu holen, brauchen sie eine Perspektive. In Sachen Arbeitsplätze kann man durch die Digitalisierung viel über die Distanz lösen. Es muss also jetzt nicht der beste Arbeitsplatz sein, den die Gemeinde bieten muss. Um eine attraktive Gemeinde für Junge und Ältere zu sein, gibt es mehr Trigger als nur günstige Bauplätze. 

Wie schön wird der geschützte Innenhof erst sein, wenn das Haus fertig saniert ist. Das Foto links ist von Lena Mayr.

Gemeinden denken bislang nur in Bauplätzen und nicht in Bausubstanz. 

Elisabeth Egle: Welche Rolle kann die alte Weinviertler Bausubstanz in der Planung der Siedlungen von Morgen spielen?
Lena Mayr: Gemeinden denken bislang nur in Bauplätzen und nicht in Bausubstanz. Man muss sich allerdings trauen, die gewohnten Pfade zu verlassen. Sobald man mit den Eigentümern ins Gespräch kommt, mit ihnen auf der persönlichen Ebene redet, sich von der Geldebene löst, und erklärt, dass man den Ort wiederbeleben möchte, dann ist das ein ganz neuer Zugang und auch ein Angebot mit einer ganz neuen Perspektive, das die Gemeinde den Besitzern von leerstehenden Häusern machen kann. 

Elisabeth Egle: Gibt es in Österreich Beispiele dafür?
Lena Mayr:
Der Tiroler Gemeinde Silz ist das gelungen, leerstehende Bausubstanz wieder sinnvoll für Wohn- und Wirtschaftszwecke zu nutzen. Ein Drittel der vorhandenen Bausubstanz, das waren 81 Objekte im Ortskern, standen leer. Von 2003 bis 2016 wurden über 60 Objekte revitalisiert. Das „neue Leben in alten Mauern“ kommt allen zu Gute: den Bauherren, es hebt auch das Erscheinungsbild der gesamten Gemeinde und schafft Wohlbefinden für alle. 

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