Ingrid Kraus und Johannes Kraus: Es geht um Wertschöpfung mit Wertschätzung

Ingrid Kraus, von Beruf Krankenschwester und Johannes Kraus, von Beruf Landwirt, betreiben in Maria Roggendorf einen klassischen Weinviertler Ackerbaubetrieb mit Erdäpfeln, Kürbis und Zuckerrüben. Sie haben den erfolgreichen Schmankerlmarkt Wullersdorf zusammen mit einem Bierbrauer in Leben gerufen, der mit 12 fixen Ausstellern bereits das dritte Jahr seines Bestehens feiert. Durch ihre Legehennen in Freilandhaltung, die in zwei selbstgebauten Hühnermobil-Ställen leben, haben sie neben einem 24/7 Ab-Hof-Shop den Einstieg in die Direktvermarktung gefunden. Was dies bei ihnen ausgelöst hat, darüber sprechen wir mit ihnen. Außerdem über Unternehmertum, Wertschätzung und Transparenz. 

Interview: Elisabeth Egle, Fotos: Klaus Egle

Wertschätzung auch den Hühnern gegenüber.

Du musst bei allem, was du machst, transparent sein.

Johannes Kraus

Elisabeth Egle: Was glauben Sie, ist den Konsumenten so wichtig bei der Regionalität?
Ingrid Kraus:
Es ist der direkte Kundenkontakt und die Transparenz der einzelnen Betriebe. Dass man den Bauern persönlich kennt. 
Johannes Kraus: Ich glaube auch, das ist eindeutig die Transparenz. Wenn der Kunde in den Supermarkt geht, weiß er nicht, wer das produziert hat. Du musst es als Bauer und Direktvermarkter schaffen, Vertrauen aufzubauen. Du musst bei allem, was du machst, transparent sein. Bei der Hühnermobilstelle fährt der Kunde jedes Mal vorbei und er weiß, den Hühnern geht es gut. 

Elisabeth Egle: Ist das gut so? Weil Sie sind doch dadurch gläsern. 
Johannes Kraus: Natürlich verlässt man dadurch eine gewisse Komfortzone. Als Direktvermarkter stehst du immer in der Öffentlichkeit. Es war am Anfang ein bisschen unangenehm, aber wir haben gewusst, das gehört dazu. Alle schauen dir auf die Finger – am meisten die eigenen Kollegen. Aber auch die Konsumenten sind interessiert und fragen nach, wie wir das machen. Das kann kein Supermarkt bieten.

Ich habe über die Direktvermarktung den Weg zurück in die Landwirtschaft gefunden.

Ingrid Kraus

Elisabeth Egle: Wollten Sie, Herr Kraus, schon immer Landwirt werden? 
Johannes Kraus: Es war klar, dass ich Landwirt werde. Ich bin gerne Bauer und könnte mir nichts anderes vorstellen. Du bist selbstständig, du hast zwar viel Bürokratie, aber das ist überall so, und arbeitest in der Natur. Dann war ich in Australien auf einer Schweinefarm mit Freilandhaltung und da habe ich gesehen, was alles möglich ist. 
Ingrid Kraus: Ich komme auch aus einer landwirtschaftlichen Familie, wollte aber mit dem Ganzen nie etwas zu tun haben. Aber durch die Direktvermarktung hat es mir begonnen Spaß zu machen. Ich bin jetzt nicht die, die bei der Ernte mit dem Traktor ins Lagerhaus fährt, das macht der Schwiegervater, aber ich stehe gerne am Markt und bin die Ansprechperson für die Leute. Ich kann sagen, dass ich über die Direktvermarktung wieder den Weg zurück in die Landwirtschaft gefunden habe. 

Elisabeth Egle: Also kann man sagen, dass das „Landwirten“ durch die Direktvermarktung für euch wieder attraktiver wurde. 
Johannes Kraus: Natürlich, das ist komplett was anderes. Wenn ich normaler Landwirt bin und ich bringe alle meine Produkte an eine Sammelstelle, wie zum Beispiel die Erdäpfel, dann sagen die Abnehmer immer über mein Produkt, was nicht passt. Der Drahtwurm ist drin, 10 Prozent Abzug, Erde ist dran, Abzug, dann gibt es einen Schorf, 10 Prozent Abzug … und dann bleibt irgendetwas übrig und das musst du nehmen. Wir Bauern sind Superproduzenten, das haben wir alle gelernt. Du produzierst deine Sachen und verkaufst sie an eine Stelle. Am Ende des Jahres erfährst du erst den Preis. Was du beeinflussen kannst, ist die Menge, wenn du es gescheit machst, aber den Preis kannst du nicht beeinflussen. Mit dem Weltmarktpreis können wir aufgrund unserer Kleinstrukturiertheit nicht mithalten – auch wenn wir gar keinen Arbeitslohn mit einrechnen. Ich kann nie zum gleichen Preis produzieren wie die Erdäpfelproduzenten aus Ägypten, um ein aktuelles Beispiel zu nennen. 

Der gut bestückte Ab-Hofladen mit eigenen Produkten und mit Angeboten von anderen Direktvermarktern.
Maria Roggendorf ist ein Wallfahrtsort.
Früher war der Innenhof asphaltiert, jetzt ist er begrünt.

Es geht nicht nur um Wertschöpfung, sondern um Wertschätzung, gerade bei den Bauern. Viele erleben keine Wertschätzung.

Johannes Kraus

Elisabeth Egle: Und was ist der Unterschied zur Direktvermarktung?
Johannes Kraus:
In der Direktvermarktung ist das ganz anders. Am Anfang war es eine große Umstellung. Rechnet es sich, und wie kommt es an? Wenn du direkt verkaufst, dann sagt dir der Kunde, wie super das ist. Das macht ja etwas mit einem selber. Es geht nicht nur um Wertschöpfung, sondern um Wertschätzung, gerade bei den Bauern. Viele erleben keine Wertschätzung. Im Gegenteil. Da ist das etwas ganz anderes, was wir jetzt machen. Das tut gut und man macht es gleich viel lieber. 
Ingrid Kraus: Das treibt uns voran und gibt uns auch die Motivation für das Weitermachen. 

Elisabeth Egle: Eines eurer Standbeine sind Eier, die aber sehr hochwertig produziert. Was würden Sie mit dem Wissen von drei Jahren Hühnermobil heute gleich anders machen?
Ingrid Kraus:
Wir hätten gleich von Anfang an größere Wägen gebaut. Aber ich persönlich finde es gut, wenn man klein anfängt und man wächst dann mit der Sache. So haben wir die Struktur der Vermarktung langsam aufgebaut. Was nutzt es mir, wenn ich gleich von Anfang 200 Hühner einstelle und mir bleiben die Eier über? Dann verliere ich gleich wieder die Freude daran, wenn ich merke, es rennt nicht. 

Elisabethe Egle: Ihr habt eine höherwertige Hühnerhaltung. Das bedeutet, dass sich auch der Eierpreis nach oben verändert hat. Wie habt ihr den Preis gefunden? 
Johannes Kraus:
Wir hatten ja früher schon Hühner, die so am Hof waren, und für 10 Eier haben wir 2,20 Euro verlangt. Wir haben uns nicht gefragt, was sind die Eier wert, sondern was kosten sie im Supermarkt. Also müssen wir ein bisschen billiger sein, weil sonst kauft sie keiner bei uns. So ist die Preisfindung damals entstanden. Wenn man sich dann wirklich damit auseinandersetzt, kommt ein anderer Preis heraus. Wir sind von den Euro 2,20 auf 3,50 und waren uns nicht sicher, ob das gutgeht. Gleichzeitig haben wir begonnen zu erklären, was so besonders an unseren Eiern ist, dass die Hennen in einem Mobilstall leben, immer frisches Grün bekommen, der Boden wird nicht überdüngt…

Vlnr.: Johannes Kraus, Wein4tler Herausgeberin Elisabeth Egle und Ingrid Kraus auf dem Weg zum Hühnermobil.

Mit dem günstigsten Preis kann man nicht mithalten. Gerade deswegen sollten die Bauern ihre eigenen Geschichten erzählen, damit die Leute wissen, wie das alles zustande kommt.

Johannes Kraus

Elisabeth Egle: Also der Bauer muss auch in Strategie und Marketing denken, sich das Warum überlegen und  es begründen.
Johannes Kraus:
Der Preis alleine entscheidet überhaupt nicht. Es kann nicht das Ziel sein, dass die Kunden unsere Eier aus dem Grund kaufen, weil sie so billig sind. Mit dem günstigsten Preis kann man nicht mithalten.

Elisabeth Egle: Ist das anstrengend, sich das zu überlegen? 
Johannes Kraus: Das ganze Marketing haben wir auch selber gemacht. Das lernt man nicht in der Ausbildung. Ein Landwirt ist ein Unternehmer, aber was einem an Unternehmertum vermittelt wird, ist nur „Wie produziere ich viel“, Maximierung, Kosten senken, und so weiter. Das gehört auch alles dazu, natürlich, aber das „Wie verkaufe ich meine Produkte“, das ist nicht dabei.

Elisabeth Egle: Die Konsumenten sagen, die Bauern fahren nur herum und spritzen alles nieder. Und die Bauern sagen, die verstehen nicht, was sie machen. Wie seht ihr das?
Johannes Kraus: Gerade hier ist diese Transparenz von den Bauern wichtig. Das könnte eine Lösung sein. Damit die Menschen verstehen, warum macht man das. Es hat ja alles einen Grund. Die Transparenz ist in der Landwirtschaft überhaupt komplett verloren gegangen. Aus dem heraus sind die ganzen Probleme entstanden. Weil keiner kennt mehr einen Bauern. Die Bauern werden immer weniger und immer größer, haben alle genug Arbeit und wollen sich gar nicht damit beschäftigen, dass sie die Leute aufklären. Die Information, die der Konsument dann hat, holt er sich aus dem Supermarkt. Dort siehst du die sprechenden Schweinchen, die Idylle und das ist ja komplett etwas anderes. Das gibt es in der Realität nicht. Gerade deswegen sollten die Bauern ihre eigenen Geschichten erzählen, damit die Leute wissen, wie das alles zustande kommt.

Der Klimawandel trifft uns gerade im Weinviertel brutal. Es ist die Trockenheit. Wir versuchen es mit Humusaufbau. 

Johannes Kraus

Elisabeth Egle: Was bringt die Zukunft?
Johannes Kraus:
Der Klimawandel trifft uns gerade im Weinviertel brutal. Es ist die Trockenheit. Wir versuchen es mit Humusaufbau. Es hilft, dass der Boden mehr Wasser speichern kann und damit kommt man über längere Trockenperioden hinweg. Und Begrünungen. Da passiert bereits sehr viel. Der Klimawandel ist aber schneller und wir sind immer ein Schritt hinterher. Es macht uns Sorge, und wenn es zwei, drei Monate nicht regnet, und du siehst die Kultur vertrocknen, dann macht das schon Angst vor der Zukunft. Und für großflächig gießen ist das Wasser nicht da. Generell bei Getreidekulturen steht es sich nicht dafür bei dem Preis. Extensiver kann man alles machen, aber da können wir uns noch weniger ernähren. Der Selbstversorgungsgrad in Österreich ist eh schon sehr gering. Dann importieren wir das von irgendwo anders her und haben überhaupt keinen Einfluss mehr darauf. Man muss auch schauen, dass man die Versorgungssicherheit aufrechterhält. Das geht eben nur mit Kompromissen.

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