Heinrich Ledebur sieht seine Zukunft als Landwirt als „hart, aber herzlich“

Im Dezember 2020 haben wir den ersten Interview-Teil unter dem Titel „Heinrich Ledebur: Farming für future, fitness and fun“ gebracht. Jetzt folgt der zweite und letzte Teil mit neuen höchst spannenden Antworten.
Heinrich Ledebur, Trainer für Landwirtschaftliches Unternehmertum und Unternehmensberater, entwickelt in Pulkau gerade einen Ort, an dem zunehmend sichtbar wird, wie Landwirtschaft auch in Zukunft noch funktionieren könnte. Diese Form der regenerativen Landwirtschaft bezeichnet Heinrich Ledebur als die Integration von ertragsbringender, zeitgemäßer Lebensmittelproduktion, Permakultur, Agroforestry, Marketgardening und vielen andern sinnvollen Ansätzen. Für ihn ist die ökologische Landwirtschaft die einzig mögliche.
Der Unternehmensberater und seine Partner von „Bio à la Karth“ streben an, langfristig landwirtschaftliche Arbeit auch wieder „sexy“ für die junge Generation und jung Gebliebene zu machen. Als ein berufliches Feld, das attraktive, gut bezahlte, sinnstiftende und inspirierende Arbeitsplätze bietet. Was auch einen wirtschaftlichen Mehrwert für die ganze Region mit sich bringt.

Interview & Fotos: Elisabeth Egle und Klaus Egle

Ich sehe für mich persönlich den Auftrag für mehr Dialog in der Gesellschaft zu sorgen.

Elisabeth Egle: Was leisten Landwirte Ihrer Meinung nach für die Allgemeinheit? 
Heinrich Ledebur: In Mitteleuropa hat unsere Berufsgruppe einen sehr kleinen Anteil an der Bevölkerung. Die tatsächliche Welternährung wird aber weltweit immer noch zu einem wesentlichen Anteil von Kleinstbauern in anderen Kontinenten mitgetragen. Ich möchte hier meine Solidarität und allerhöchste Wertschätzung allen Personen bekunden, die nach bestem Wissen und Gewissen – unabhängig von der betrieblichen Ausrichtung – alles geben, um unter Nutzung des ihnen anvertrauten Bodens Lebensmittel zu erzeugen. Aus eigener Erfahrung weiß ich nur zu gut, welche enorme Anstrengung das unter den gegebenen sozialen, wirtschaftlichen, politischen, klimatischen und marktwirtschaftlichen Bedingungen für viele bedeutet.

Elisabeth Egle: Und was leisten Sie als Landwirt für die Gesellschaft?
Heinrich Ledebur:
Gewissensfrage hoch drei!!! Ehrlich gesagt immer noch viel zu wenig. Ich sehe für mich persönlich den Auftrag für mehr Dialog in der Gesellschaft zu sorgen. Dialog zwischen den wachsenden urbanen Zentren als starke Konsumentenkraft und den Erzeugerinnen von primären Lebensmitteln. Dialog zwischen Konsument und Produzent, ebenso wie Verarbeitung, Handel und Transport. Und in der Entwicklung kooperativer regionaler Lösungen, um gesund nachhaltig produzierte Lebensmittel nicht nur einer privilegierten Oberschicht, sondern allen verständlich, schmackhaft, attraktiv und leistbar zugänglich zu machen.

Ich wär ja schon zufrieden, wenn wir die noch bestehenden landwirtschaftlichen Flächen in ihrer Produktivität erhalten und steigern würden, in dem wir auf Diversität und regionale Verarbeitung und Vermarktung setzten.

Elisabeth Egle: Wir haben den Eindruck, das inzwischen ziemlich viel wertvolle Fläche für den Anbau von Produkten verwendet wird, die nichts mit der Lebensmittelproduktion zu haben wie zum Beispiel biogene Energieträger.
Heinrich Ledebur: Natürlich wär‘s chic, wenn wir die Versiegelung von produktiven Flächen reduzieren könnten, in dem wir bestehende Leerstände besser nutzen statt Neubau zu fördern und die coolen kreativen Verkehrs- und Infrastrukturpläne in der ländlichen Region realisieren, die in vielen Schubladen und klugen Köpfen bereits seit langem bereit liegen …. aber ich wär ja schon zufrieden, wenn wir die noch bestehenden landwirtschaftlichen Flächen in ihrer Produktivität erhalten und steigern würden, in dem wir auf Diversität und regionale Verarbeitung und Vermarktung setzten, statt daß sich landwirtschaftliche Produzenten mit gegenseitigem Preisdumping immer weiter zu Rohstofflieferanten der Lebensmittelindustrie und Handelsriesen degradieren.

Elisabeth Egle: Was glauben Sie, könnte man ändern?
Heinrich Ledebur: Die Erzeugung von biogenen Energieträgern ist nur dann sinnvoll, wenn die dezentralen Anlagen verbrauchernah sind und eine restlos kaskadische Nutzung der Stoffe gewährleistet ist. Ansonsten ist der energetische Gesamtwirkungsgrad der Erzeugung von Nahrungsmitteln mit Hilfe von pflanzlicher Photosynthese nicht zu toppen. Zumindest bei derzeitigen Stand der Technologie bei weitem noch nicht.

So ziemlich alle unterwerfen sich diesem Prinzip: Gewinnmaximierung und Kosten-Minimierung ist auch einem Naturgesetz sehr nahe.

Elisabeth Egle: Bisher ist die konventionelle Landwirtschaft auf Leistung eingeschworen. Also Höchsterträge auf begrenzten Flächen.
Heinrich Ledebur:
Da müßten wir den Begriff konventionell etwas genauer eingrenzen. Falls mit konventionell nicht „Bio“ gemeint ist, bin ich der Meinung, daß sich so ziemlich alle diesem Prinzip unterwerfen: Gewinnmaximierung und Kosten-Minimierung ist auch einem Naturgesetz sehr nahe. Allerdings liegt auch da scheinbar häufiger eine Verwechslung von „Sparsamkeit bei den Ausgaben“ und „sich um die wahren Kosten drücken“ vor.

Elisabeth Egle: Muss Landwirtschaft in einem viel größeren Zusammenhang gesehen werden?
Heinrich Ledebur: Meine Erfahrung im konventionellen „Großbetrieb“ mit 1.600 Hektar hat mich gelehrt, in was für Zwängen sich die Landwirtschaft im Welthandel-Kontext befindet. Bevor jemand die Landwirtschaft und mit ihr die fleißigen redlichen Bäuerinnen und Bauern in ihrer heutigen Form beurteilt oder gar verurteilt, lade ich alle ein, bei uns am Feld zu arbeiten. Da erschließen sich einem am intensivsten die komplexen Zusammenhänge. Die gerne verwendeten romantisierenden Bilder können auch leicht zu einer oberflächlichen Fehleinschätzung verleiten nach dem Motto „Warum betreiben nicht alle diese Form der Produktion“? 

Es würde dem Prinzip der Nachhaltigkeit widersprechen, keinen Gewinn zu machen.

Elisabeth Egle: Darf man mit der Landwirtschaft verdienen?
Heinrich Ledebur: Nicht dürfen, müssen. Es würde dem Prinzip der Nachhaltigkeit widersprechen, keinen Gewinn zu machen. Ein System erhält sich nur so lange wie seine Teile einen Nutzen/Gewinn davon haben. Je mehr er dem Allgemeinwohl nutzt, desto mehr sollte der Partner verdienen, da er ja außer dem unmittelbaren „Produkt“ auch einen Mehrwert leistet. Ich finde, es sollten sehr viel mehr Gewinnanteile wieder in die (regenerative, nachhaltige) Landwirtschaft fließen. Die landen derzeit viel mehr beim Handel.

Elisabeth Egle: Wie sehen Sie Ihre Zukunft als Landwirt im Weinviertel?
Heinrich Ledebur:
Als hart, aber herzlich.


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