Gwandtlhof: Die Idylle des Machbaren

Der Gwandtlhof in der Alten Kellergassse von Niederabsdorf im nördlichen Weinviertel ist keine Postkarten-Idylle, in der das Ja-Natürlich-Schweinderl fröhlich herumhüpft, sondern ein landwirtschaftliches Konzept, in dem das Menschen- und das Tierwohl gleichwertig sind und von dem die Familie Barbara und Reinhard Brabec ohne Abhängigkeiten vom Milchpreis oder dem Weltmarkt für Fleisch leben kann. Wie das geht? Man macht etwas, das im Weinviertel höchst ungewöhnlich ist: Eine Vieh- und Milchwirtschaft mit Ziegen und Kühen, deren Milch zu 100 Prozent am Hof verarbeitet wird, womit die Wertschöpfung komplett im Haus bleibt. Barbara und Reinhard Brabec haben wir gefragt, wie ihr Weg von der Sozialpädagogik zur Landwirtschaft verlaufen ist und wie es ihnen heute damit geht.
Ausblick: Es folgt noch ein zweites Interview. Darin geht es um die Produktion.

Interview und Fotos: Elisabeth Egle und Klaus Egle

Käseproduktion im Weinviertel – das gibt es praktisch gar nicht. Und solche Nischen finden sich immer wieder. 

Reinhard Brabec

Elisabeth Egle: Welchen Rat würden Sie mit Ihrem Wissen von heute, jemanden geben, der in der Landwirtschaft arbeiten will?
Reinhard Brabec:
 Man muss das Rad nicht neu erfinden aber es macht Sinn, dort hinzugehen, wo es etwas noch nicht gibt. Käseproduktion im Weinviertel – das gibt es praktisch gar nicht. Und solche Nischen finden sich immer wieder. Es ist, jedenfalls für uns, auch wichtig, dass man sich von so etwas wie Marktpreisen und internationalen Entwicklungen abkoppelt – die haben für uns praktisch keine Bedeutung. Wir haben die Anzahl an Tieren, die wir brauchen und können auf kurzfristige Veränderungen der Nachfrage flexibel reagieren. Brauchen wir weniger Kuhmilch, dann stellen wir eben statt der Kühe ein paar Ziegen mehr ein. Bin ich dagegen ein reiner Ackerbauer, der an eine Genossenschaft liefert, dann habe ich gar keinen Spielraum. Dafür kann ich fix damit rechnen: Das wird mein Preis sein, wenn ich liefere. Ob sich das dann betriebswirtschaftlich ausgeht, steht wieder auf einem anderen Blatt.

Dieser Umweg, den ich gemacht habe, war grenzgenial. Als Sohn von Bauern in deren Fußstapfen zu treten, lässt viel weniger Freiraum.

Reinhard Brabec

Elisabeth Egle: Wir haben auch dem landwirtschaftlichen Unternehmer und Quereinsteiger Heinrich Ledebur aus Pulkau diese Frage gestellt: Kann nur Bauer werden, wer in eine Bauernfamilie hineingeboren wird? Seid ihr Bauern?
Reinhard Brabec:
 Also ich bezeichne mich selbst immer als Landwirt. Das klingt für mich moderner und es passt auch zu uns, weil wir eben viele Dinge ein bisschen anders sehen. Grundsätzlich kann jeder das werden. Meine Eltern haben mir ja immer davon abgeraten, weil es eben keinen landwirtschaftlichen Betrieb im Hintergrund gab. Heute denke ich mir: Dieser Umweg, den ich gemacht habe, war grenzgenial. Als Sohn von Bauern in deren Fußstapfen zu treten, lässt viel weniger Freiraum. Man macht das, was man schon kennt und es funktioniert ja auch. Aber wenn man dann beginnt, darüber nachzudenken, wie es in der Zukunft weitergehen kann, ist es oft schon zu spät. Wir waren diesbezüglich völlig unbeeinflusst und das ist ein Vorteil.

Es war eine Vernunftgeschichte, denn es hat mit Investition zu tun und man muss sich das gut überlegen.

Barbara Brabec

Elisabeth Egle: Sie haben mit dem Ziegenkäsemachen neben ihrem Hauptberuf begonnen. Wie wird man vom Sozialpädagogen zum Milchbauern? Und das im Weinviertel.
Reinhard Brabec: Begonnen hat es mit einer Einladung von guten Freunden auf eine Ziegen-Alm in Tirol. Die haben uns zwei Ziegen geschenkt, die getragen haben und plötzlich waren es nicht mehr zwei, sondern sechs Ziegen. Dann haben die Unmengen an Milch gegeben und so haben wir die ersten Experimente mit dem Käse begonnen. Unser Gartenhaus wurde in einen Stall umfunktioniert, damit die Ziegen Platz haben, dann in eine Käserei investiert, andere kaufen einen Mittelklassewagen (lacht) und es hat nicht lange gedauert, dass dies wirklich Arbeit war. Die Milch täglich gekäst, Futter gemacht und alles, was dazu gehört. Auch einen kleinen Hofladen hatten wir schon. Da freut man sich natürlich am Anfang, wenn man ein paar Euro macht und zehn Minuten mit dem Kunden plaudert. Es war aber irgendwann dann kein Hobby mehr, wir haben im Familienrat darüber gesprochen, was wir tun. Zurück in den Eigenbedarf, da reichen drei Ziegen oder wir steigen wirklich voll ein. 
Barbara Brabec: Also haben wir beschlossen: Wir machen das mit Händ und Füß und nehmen auch die Kuh dazu. 
Reinhard Brabec: Ich war ja immer schon von der Kuh begeistert und habe auch ein ganzes Jahr in dem Bereich gearbeitet, als Landwirtschaftlicher Helfer während meines Zivildienstes in einem großen Milchvieh-Betrieb, bei dem eine Käserei dabei war. Da waren dreihundert Schafe und zwei Ziegen – für das Kind, das eine Laktose-Intoleranz hatte. Aber mich haben die zwei Ziegen immer mehr interessiert als die Schafe, darum sind es dann bei uns wohl auch die Ziegen geworden. 


Ich bin ja eigentlich ein Morgenmuffel, aber sechs Uhr ist in der Landwirtschaft eh christlich – wir haben festgestellt, dass sich die Tiere an das anpassen. 

Reinhard Brabec

Elisabeth Egle: Wie hat sich Ihre Einstellung zur Arbeit geändert, seit Sie voll auf dem Gwandtlhof arbeiten?
Reinhard Brabec: Wir käsen jeden Tag, es gibt keinen Ruhetag. Gestartet wird um sechs in der Früh. Ich bin ja eigentlich ein Morgenmuffel aber sechs ist in der Landwirtschaft eh christlich – wir haben festgestellt, dass sich die Tiere an das anpassen. Die Ziege ist da sowieso sehr pflegeleicht und für die Kühe ist nur wichtig, dass sie ihren 12-Stunden-Rhythmus haben. Grundsätzlich muss man sagen: Wenn man nicht wirklich ein schwerer Idealist ist, steigt man gar nicht in die Viehhaltung ein, weil da das ganze Jahr über viel zu tun ist. Manchmal fragen uns Kunden, was wir machen, wenn wir mal einen Tag nichts tun. Die Antwort ist: An so einem Tag arbeiten wir nur fünf bis sechs Stunden. 

Ein Landwirt ist in unseren Augen ein Unternehmer, der auf vielen verschiedenen Ebenen Kompetenz aufweisen muss.

Reinhard Brabec

Und wie sieht es mit Urlaub aus?
Barbara Brabec (lacht): Unsere große Hoffnung ist unser Sohn! Er ist jetzt 15 Jahre alt und arbeitet gern im Betrieb mit – aber wir stellen ihm das völlig frei, ob er das einmal übernehmen will. 
Reinhard Brabec: Ich mag gewisse Dinge auch gar nicht anderen überlassen, weil wenn da Fehler passieren, kann und das sehr lange nachhängen, bis wir das wieder korrigiert haben.
Barbara Brabec: Meine Tochter sagt immer, wir haben eh das ganze Jahr Urlaub am Bauernhof –andere bezahlen für so etwas!

Sie sind sehr fleißige Menschen. Finden Sie, dass Sie jetzt als Unternehmer mehr arbeiten? 
Reinhard Brabec: Natürlich arbeiten wir jetzt um vieles mehr und unsere Arbeit ist auch körperlich anstrengend, aber es erfüllt uns und es macht Freude. Die Zusammenarbeit mit den Tieren und der Natur gleicht Vieles wieder aus. Ein Landwirt ist in unseren Augen ein Unternehmer, der auf vielen verschiedenen Ebenen Kompetenz aufweisen muss.



.