Die Obstbaum-Versteher Robert und Dominik Schreiber finden, dass man mit der Marille etwas verdienen können muss

Als Robert Schreiber vor bald dreißig Jahren in Poysdorf mit der Marille begonnen hat, gab es in Österreich rund 380 Hektar mit Marillenbäumen, davon standen fast 300 Hektar in der Wachau. Inzwischen stehen im Land mehr als 1.000 Hektar und das Weinviertel hat die Wachau nach Fläche, Baumanzahl und Ertrag als Nummer Eins überholt. An dieser Entwicklung hat Schreiber mit seiner Arbeit einen gewichtigen Anteil. Ursprünglich als Weinbaumeister an der landwirtschaftlichen Fachschule in Mistelbach tätig begründete er zuerst eine Rebschule, dann, gemeinsam mit seiner Frau einen Baumschulbetrieb. Sein Problem und gleichzeitig seine Motivation, bei der Zucht und Vermehrung neue Wege zu gehen: Er musste mit einer vergleichsweise kleinen Fläche produktiv sein, um gewinnbringend arbeiten zu können.

Die Marille ist für die Schreibers das wichtigste Thema, und sie sind mit ihrer Baum- und Rebschule im Land und international bestens vernetzt und erfolgreich. Etwa 250 Obstbaum-Sorten findet man ihrem Shop, drei bis viermal so viele werden tatsächlich kultiviert. Mit im Boot ist inzwischen Junior Dominik, ein „Zahlenmensch“, der sich unter anderem um das innovative Marillen-Projekt „Next Generation“ kümmert.

Interview und Fotos: Elisabeth Egle und Klaus Egle

Mich hat interessiert, wie man das Ganze rationalisieren kann.

Robert Schreiber

Elisabeth Egle: Herr Schreiber, Poysdorf ist ja vor allem für den Weinbau bekannt. Wie kamen sie auf die Idee, ausgerechnet hier ein „Marillen-Imperium“ aufzubauen? 
Robert Schreiber: Mich hat die Marille am meisten interessiert – weil sie eine köstliche Frucht ist und auch weil man mit ihr in der Verarbeitung so viel machen kann. Ich wollte also ursprünglich einen Marillengarten pflanzen und habe dann eigentlich eine Versuchsanlage gepflanzt. Der Unterschied ist der: Ein Obstbauer pflanzt große Flächen mit wenigen Sorten – das ist dann auch rentabel, weil man es rationell bewirtschaften kann. Und wir haben im Gegensatz dazu eine Anlage gepflanzt, bei der jeder fünfte Baum etwas anderes war, insgesamt waren es 180 Sorten. Marillen, Pfirsiche, Kirschen… auch internationale, neue Züchtungen. Dominik Schreiber: Die Marille bietet sich bei uns schon auch an. Äpfel wachsen fast überall, die Marille ist viel heikler – aber bei uns im Weinviertel fühlt sie sich ausgesprochen wohl. Es gibt da einen schönen Spruch: „Die Marille ist die Königin der Früchte – sie möchte aber auch so behandelt werden.“ Der trifft voll und ganz zu. Und weil wir die Marillen so verwöhnen, funktionieren sie bei uns auch so gut.

Elisabeth Egle: Was haben Sie dabei anders gedacht und gemacht?
Robert Schreiber: Mir war es wichtig, den Marillenanbau rentabler zu machen, als er es etwa in der Wachau war. Denn, wenn man will, dass auch junge Menschen in der Landwirtschaft bleiben, dann müssen die auch eine Chance haben, dass sie Geld verdienen. Das heißt unter anderem, Sorten zu züchten, die frostfester sind, die gesünder sind und deren Früchte mindestens ebenso gut schmecken wie die traditionellen Sorten, z.B. die weit verbreitete „Ungarische Beste“.
Mein Ansatz dabei war, dass man alles vom Boden aus ernten kann – auch Marillen und Kirschen. Früher waren die Kirschenbäume riesig hoch, was bei der Ernte Probleme macht und auch sehr gefährlich ist. Mit dieser Philosophie ist der Betrieb eigentlich groß geworden, weil ich Sachen gemacht habe, die nicht so leicht umzusetzen waren. Aber mich hat interessiert, wie man das ganze rationalisieren kann – und ich habe mich immer gewundert, dass da nicht schon vorher jemand draufgekommen ist. 

Elisabeth Egle: Angeblich gibt es ja in Poysdorf mehr Marillen als in der Wachau…
Robert Schreiber: Das gesamte Weinviertel hat seit der letzten Baumzählung 2017 mehr Marillenbäume als die Wachau – wobei es bei der Fläche ein Kopf-an-Kopf-Rennen ist. Vom Ertrag her liegen wir schon länger vorne, weil in der Wachau mit der Halbstamm-Erziehung nur etwa 400 Bäume pro Hektar stehen. Wir pflanzen 1.300 Bäume pro Hektar. Das geht, wenn man schwächer wüchsige Unterlagen und moderne Sorten verwendet. Die klassische Wachauer Marille wird in rund zwei Wochen geerntet, weil es ja nur eine Sorte gibt, wir ernten durch einen entsprechenden Sortenmix drei, vier Monate lang frisch vom Baum. Bei uns ist es in den vergangenen 15 Jahren gelungen, den Arbeitsaufwand zu halbieren, den Ertrag zu verdoppeln und die Wünsche des Konsumenten und des Handels zu erfüllen. Gesündere Sorten bedeuten zum Beispiel auch weniger Pflanzenschutz. 

Was vor fünf oder zehn Jahren noch super war, kann heute schon uninteressant sein.

Robert Schreiber

Elisabeth Egle: Was genau macht eigentlich eine Baumschule – und was ein Züchter?
Dominik Schreiber: Das wird oft durcheinandergebracht, aber das sind zwei ganz getrennte Arbeiten: Der Züchter versucht, die besten Sorten zu entwickeln und der Baumschuler schaut dann, welche von diesen vielen hundert neuen Sorten die besten sind und welche am besten für die Region, das Klima und die eigenen Kunden geeignet sind. Und nur diese vermehrt er dann. Und für jeden Baum, den der Baumschuler dann von einer Sorte vermehrt, zahlt er dem Züchter eine Lizenzgebühr. 

Elisabeth Egle: Aber das ist ja dann auch ein großes Risikogeschäft, oder?
Dominik Schreiber: Das war schon immer die Pionierarbeit meines Vaters. Er hat sich die Bäume von überall hergeholt und sie in seinen Versuchsanlangen selbst ausprobiert. Daher konnte er seine Kunden aus der eigenen Erfahrung heraus beraten und nicht nur Erfahrungen nacherzählen, die andere irgendwo gemacht haben. Wir wussten also, wovon wir reden und das ist eine besondere Beratungsqualität. 

Elisabeth Egle: Das muss man sich ja auch leisten können – das Kapital steht ja dann recht lange herum…?
Robert Schreiber: 90 Prozent der Sorten kommen nicht auf den Markt, obwohl sie schon von jemandem für sehr gut befunden wurden. Auch, weil sich das Niveau sehr schnell steigert. Es ist ein harter Markt. Was vor fünf oder zehn Jahren noch super war, kann heute schon uninteressant sein, weil es etwas noch Besseres gibt. Darum sind die Züchter oft froh, wenn wir ihre Sorten ausprobieren, selbst wenn es dann viele Absagen gibt. Aber wenn man rechtzeitig auf’s richtige Pferd setzt, dann gewinnen alle. 


Elisabeth Egle: Und wie kommt dann eine neue Sorte in euer Sortiment?
Dominik Schreiber: Das ist ein klassischer Produktentwicklungsprozess. Der Züchter bietet uns beispielsweise 12 Sorten zum Probieren an – da wissen wir schon, dass höchstens zwei dabei sind, die uns echt weiterbringen und die zwei müssen wir dann herausfinden. Er schickt uns Bäume oder Triebe, die wir selbst veredeln. Dann muss uns die Frucht überzeugen aber auch andere Kriterien, wie Wüchsigkeit, Bedarf an Pflanzenschutz etc.. Dann schauen wir, was wir in der Reifezeit selbst empfehlen und da muss die neue Sorte dann besser sein, damit wir sie übernehmen. Es gibt auch nicht die perfekte Sorte – jede hat ihre Macken und das müssen wir dann abwägen. Wenn alles passt, veredeln wir zunächst ein paar hundert Bäume oder lassen sie von Versuchsanstalten testen, um Erfahrungen an verschiedenen Standorten zu erhalten. Dann geben wir ein paar hundert Bäume an gute Kunden und sagen: Schaut euch das mal an. Erst wenn das alles positiv verläuft, fängt der eigentliche Baumschul-Job an, wo wir dann einmal 5.000 bis 10.000 Bäume veredeln. Der ganze Prozess dauert rund 15 Jahre – wenn es schnell geht. 

Elisabeth Egle: Alte oder neue Sorten – was ist besser?
Dominik Schreiber: Die neuen Sorten lösen die alten langsam ab, die aber durchaus auch ihre Qualitäten haben – etwa für den privaten Gärtner. Aber was heute die Weinviertler Marille ausmacht, ist die Tatsache, dass wir über drei bis vier Monate frisch und mit gleichbleibender Qualität ernten können. Das Geheimnis ist dabei, dass wir Vielfalt zulassen – bei den Sorten und bei der Bearbeitung und den Produktionsweisen…

Neue Medien wie YouTube geben uns die Möglichkeit, viel effizienter zu arbeiten.

Dominik Schreiber

Elisabeth Egle Wie hilft euch die Digitalisierung bei eurem Geschäft?
Robert Schreiber: Wichtig sind für uns die Videos geworden, die Dominik zu aktuellen oder grundsätzlichen Themen – vom Humusaufbau über Baumschnitt bis zu Schädlingen und ihrer Bekämpfung – macht. Die kommen sehr gut an und haben enorme Zugriffe. Wir teilen ja auch gerne unser Wissen. 
Dominik Schreiber: Durch die größere Präsenz im Internet, werden wir auch immer wieder eingeladen, Artikel in Fachzeitschriften zu veröffentlichen oder Vorträge zu halten – das bringt sehr viel Bekanntheit, denn da sitzen oft einige hundert Leute. In Zeiten von Corona, in denen man nicht zu Kongressen reisen kann, halten wir jetzt Vorträge bei Seminaren halten, ohne persönlich anwesend zu sein. Neue Medien wie YouTube oder Livestreams geben uns auf jeden Fall die Möglichkeit, hier viel effizienter zu arbeiten.

Elisabeth Egle: Ihr habt eine beachtliche Betriebsgröße. Wollt ihr noch weiter wachsen?
Robert: Schreiber: Wir haben immer alles in Wachstum investiert, Dominik hat dann nach dem Studium mit dem Marillen-Projekt „Next Generation“ etwas Neues begonnen, wo der Betrieb nochmals gewachsen ist, aber jetzt sind wir so weit, dass wir sagen: Wir wollen gar nicht mehr wachsen und sind auch am Limit, wenn wir uns noch als Familienbetrieb bezeichnen wollen. Und das wollen wir auf jeden Fall bleiben.

Elisabeth Egle: Was ist mit „Next Generation“ gemeint?
Dominik Schreiber: Die Next Generation ist eine Gruppe an neuen Marillensorten, die alle eine besonders gute Fruchtqualität haben, sehr gesund, frostfest und ertragreich sind. Bei der Marille hatten wir vor einigen Jahren so viele neue Sorten und Ideen, dass wir da nochmals etwas Eigenes machen wollten: Das war das Projekt: „Next Generation“. Diese Bäume wachsen jetzt seit sechs Jahren und das war der absolut richtige Weg. 

Es ist extrem wichtig viele Standbeine zu haben. 

Robert Schreiber

Elisabeth Egle: Welche Rolle spielen alternative Kulturen?
Robert Schreiber: Die werden in den letzten Jahren schon fast händeringend gesucht – zum Beispiel von den Apfelbauern, die ja mit den Äpfeln fast nichts mehr verdienen. Feigen, Khaki, Oliven…. Wir schauen, was sich eignet. Zum Beispiel Indianer-Bananen gedeihen bei uns in Poysdorf sehr gut – sie sind mit der Papaya verwandt und schmecken so ähnlich wie Mango. Haben einen exotischen Geschmack, werden nicht von Schädlingen befallen, sind frostfester als  Marillen und eigentlich total unkompliziert.  

Elisabeth Egle: Was bedeutet der Klimawandel für euch?
Dominik Schreiber: Der beschäftigt uns sehr. Die Marille ist die frühblühendste Kultur im österreichischen Erwerbs-Obstbau. Die Winter werden immer milder, die Marillen blühen früher und es reicht, wenn im Frühjahr ein „normaler Tag“ mit drei Stunden Frost kommt und die Ernte ist dahin. Wir sind aber in den vergangenen Jahren mit einem blauen Auge durchgekommen, durch unsere Vielfalt in allen Bereichen. Es ist auch extrem wichtig, viele Standbeine zu haben, auch wenn das viel mehr Aufwand bedeutet. Wir haben jetzt vier Jahre hinter uns, in denen es in allen Obstkulturen massive Spätfrostschäden gegeben hat, wir sind mitten in Corona und haben vielleicht eine Wirtschaftskrise vor uns. Aber wir haben während der ganzen Zeit positiv gedacht und sehen auch die Zukunft positiv – wir haben keine Angst vor ihr und versuchen, bestmöglich darauf vorbereitet zu sein.  

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