Der „Genussmarkt im Retzer Land“-Initiator Michael Vesely sagt, ein Markt hat auch eine soziale Funktion

Interview und Fotos: Elisabeth Egle und Klaus Egle

Vor der Gründung ihres höchst erfolgreichen Lokals „Reisinger’s am Salzgries“ im 1. Wiener Bezirk im Jahr 2008, haben die nunmehrigen „Wahl-Retzer“, Adelheid Reisinger und Michael Vesely, in ganz anderen Branchen gearbeitet. Sie hat bei erfolgreichen Fernsehserien mitgeschrieben und er hat 25 Jahre lang, wie er sagt, „IT-Buden“ geleitet. Das war dann nicht mehr spannend und das sich kongenial ergänzende Ehepaar hat beschlossen, etwas, das mehr mit Lust, Lebensfreude und Genuss zu tun hat, gemeinsam zu machen. Mit viel Gefühl haben sie eine alte Minipizzeria zu einem kleinen Lokal verwandelt und bis zum November 2019 live vor den Gästen täglich eine Handvoll Gerichte frisch und mit sicherer Hand gekocht. So, wie sie alles Berufliche mit System planen, war das auch bei ihrer Suche nach einem Haus der Fall, das sie vor vier Jahren in Retz bezogen haben. Was ihnen so gut an Retz gefällt, ist die Kombination aus Stadt und Land. Was ihnen weniger gefallen hat, war das Fehlen eines Marktes. 

Wenn man irgendwo neu hinzukommt, muss man zu dieser Gemeinschaft auch etwas beitragen. 

Elisabeth Egle: Michael Vesely, wie kommt man auf die Idee einen Genuss-Markt in Retz zu begründen?
Michael Vesely: Dass wir hier gerne einen Markt hätten, war uns relativ bald klar. Zwei Gründe: Wenn du mit einer Vorarlbergerin zusammen bist, weißt du, dass jeder Ort dort einen Wochenmarkt hat. Und als Vielreisende haben wir viele Märkte besucht. Für uns ist ein Markt Emotion pur.
Dann siehst du diesen Hauptplatz, der fast eine italienische Anmutung hat und du denkst dir, da muss ein Markt her. Alle die Jahre, in denen wir noch zwischen Retz und Wien gependelt sind, haben wir davon geträumt, aber es war uns klar, mit einem Lokal in Wien und hier nur am Wochenende stemmen wir das Unternehmen Markt nicht. Im November 2019 haben wir das Lokal verkauft und rasch begonnen, uns dem Thema Markt zu widmen.

Elisabeth Egle: Gab es eine Bedarfserhebung, oder habt ihr einfach begonnen?
Michael Vesely: Natürlich haben wir jedem von dieser Idee erzählt. Das war gut so und sehr schnell habe ich Unterstützer gefunden. Der erste war Toni Honsig, der Initiator von „Probus Winzerinitiative“ und ein großer Kulinarik-Netzwerker über die Grenzen hinaus. Über ihn kam ich zu Günther Macht, Geschäftsführer der Firma Ploberger und Retzer Wirtschafts-Gemeinderat, der so wie wir seit ein paar Jahren Neo-Retzer ist. Auch ihn treibt auf einer Metaebene eine ähnliche Motivationslage wie mich: Wenn man irgendwo neu hinzukommt, muss man zu dieser Gemeinschaft auch etwas beitragen. Dann haben wir als Dritten im Bunde den höchst engagierten Retzer Tourismusstadtrat Daniel Wöhrer gefunden und begonnen, dieses Marktprojekt ins Laufen zu bringen.

Elisabeth Egle: Da ist sicher viel Zeit und Energie hineingeflossen.
Michael Vesely: Ja, wir haben viel Knowhow gesammelt, gezielt Märkte besucht, analysiert: Wie funktionieren Märkte, was sind die Erfolgskriterien, was muss man vermeiden, was macht einen guten Markt aus? Dann kamen Ängste und Befürchtungen. Die erste Befürchtung war, ob wir überhaupt genügend Anbieter zusammen bekommen. Wir wollten keine 0815-Ware haben. Unser Motto lautete „Genussmarkt“ und dass idealerweise von den Produzenten selbst am Markt vertrieben wird. Und dann, auch wenn wir die Produzenten haben, stellte sich die Frage, ob es hier genügend potentielle Kunden gibt, die Geld für gute Produkte ausgeben möchten, die deshalbetwas mehr kosten. 

Wir wollten keine 0815-Ware haben. Unser Motto lautete „Genussmarkt.

Elisabeth Egle: Gab es Faktoren, die das Entstehen des Genussmarktes begünstigt haben?
Vesely: Vor Corona waren Klimawandel und Regionalität schon ein Thema. Für uns hat sich zum richtigen Zeitpunkt ein „window of opportunity“ aufgetan. Das Retzer Land hat sich vor einiger Zeit zu einer Klimaregion zusammengeschlossen. Ernährung ist in diesen Plänen ein zentrales Thema, weil man weiß, dass man den größten Impact in Sachen Klimawandel mit der Ernährung erzielen kann. Das heißt jetzt sehr vereinfacht gesagt: Weniger Fleisch und mehr regionales Gemüse, kürzere Wege, Produkte aus der Region.  

Elisabeth Egle: Was hat noch geholfen?
Vesely: Corona. Viele Produzenten standen plötzlich ohne Abnehmer aus der Gastronomie da und haben sich nach neuen Vertriebswegen umgesehen. Auf Facebook hat sich eine Gruppe gebildet „Einkaufen im Retzer Land“ und so kamen wir ins Gespräch. 
Unsere anfängliche große Befürchtung, nicht die richtigen Anbieter zu finden, hat sich damit zerschlagen, denn von überall sind plötzlich Produzenten aufgetaucht. Aus den fast 70 Anbietern hat sich nach vielen Gesprächen und Einladungen, uns kennenzulernen, ein harter Kern herauskristallisiert. 

Elisabeth Egle: Wie habt ihr die Anbieter überzeugt bei einem jungen Markt mitzumachen? Weil doch jeder seine Waren verkaufen möchte. 
Vesely: Bei unserer Recherche haben wir befunden, dass ein Kriterium für erfolgreiche Märkte das Marktmanagement ist. Das kümmert sich um den richtigen Sortiments-Mix. Auf unseren zwei Informationsabenden, die wir veranstaltet haben, waren zwei erfahrene Marktanbieter dabei, Fritz Potocnik von der Bäckerei „BROTocnik“ und Helmut Hundlinger, der Begründer des Slow Food-Marktes in Horn, die von ihren Anfängen auf Märkten berichtet haben. 
Sie wurden für uns zu zwei starken Zugpferden, als sie sich entschieden haben mitzumachen. Dann kam noch der Erich Sturm aus Großnondorf als Fleischer dazu und mit ihm zusammen konnten wir die große Lücke, dass es am Hautplatz seit ein paar Jahren keinen Bäcker und Fleischer mehr gab, wieder schließen. 

Brot von Brotocnik, eine Backstube, in der man den Teigen tatsächlich „zuhört“.

Ein Markt hat eine soziale Komponente. Man trifft sich und ist zusammen.

Elisabeth Egle: Wie ist der Markt bisher gelaufen?
Vesely: Nach den ersten zwei wettermäßig schlechten Tagen, an denen wir trotzdem „full market“ waren, hatten wir sehr viel nette Samstage mit Sonnenschein und keinen Lockdown. Da entwickelt sich der Markt mit seinen vielen Ständen zum Treffpunkt. In der Marktgasse stehen Hochtische, die Leute plaudern, verweilen und konsumieren. Man trifft sich jetzt am Markt. Ein Markt ist ja mehr als das Stillen von Lebensmitteldefiziten. 

Elisabeth Egle: Und was hat die Gemeinde davon?
Vesely: Die Gemeinde hat jetzt so um die 45 bis 48 mal im Jahr einen lowcost-Event, wo die Leute zusammenkommen und der sie de facto nichts kostet. Der Markt ist unverbindlich, man trifft  sich und kommt zusammen. 

Elisabeth Egle: Kann man sagen, dass ihr mit dem Markt das soziale Gefüge gestärkt habt? Weil doch außer Hochzeiten auf dem Platz ab Freitag abend bis Montag früh sonst nichts geschehen würde. 
Ja, das kann man so sagen. Daniel Wöhrer hatte die Idee, wie man am Markttag mit kleineren Veranstaltungen Großes bewirken und den Markttag damit abrunden kann. Die fanden am Abend an mehreren Samstagen statt. Im Sommer gab es einen Foodtruck, der den ganzen Tag dageblieben ist und sich am Abend einfach zur Bühne hin gedreht hat. Die Stimmung war sagenhaft, die Leute sind herumgewandert, haben sich niedergelassen, wo sie wollten und in vollen Zügen die Abende genossen. Wir sind am Überlegen, auch nächstes Jahr wieder einige Rahmenveranstaltungenaufzustellen. Retz eignet sich hervorragend dafür, das Thema Kultur voranzutreiben. 

Elisabeth Egle: Wir fassen zusammen, das Unternehmen Markt ist kein Selbstläufer. Wie sieht die Aufgabenverteilung aus?
Die Aufgaben sind klar verteilt. Alles, was mit dem wirtschaftlichen Teil zu tun hat, macht Günter Macht. Alles, was in die Gemeinde hineingeht, macht Daniel. Und ich bin für das Sortiment. Natürlich mit Schnittstellen.

Wir packen alle an wie eine Familie.

Elisabeth Egle: Euer Ziel war ausfinanziert und unabhängig zu sein. Wie ist euch das gelungen?
Wir haben festgestellt, wir müssen mit dem Markt schnell am Markt sein. Aus diesem Grund haben wir um keine Förderungen angesucht, da es zu lange dauert. Und wir wollten bewusst unabhängig sein. So haben wir über Sponsoring der Retzer Wirtschaftstreibenden die schönen Marktzelte finanziert. Die Unternehmer haben den Nutzen gesehen, dass der Markt ein Frequenzbringer am Samstag und eine Belebung für Retz ist. Dazu kommen noch die Standgebühren, mit denen wir die Werbung und den Bauhofmitarbeiter bezahlen, der uns in der Früh und nach Marktende hilft, die Stände aufzubauen. 

Elisabeth Egle: Mit dem Wissen heute, was würdet ihr gleich von Anfang an anders machen?
Es ist die Logistik. Das läuft nur deshalb, weil wir alle wie eine Familie anpacken. Das würde ich das nächste Mal von Anfang an anderes organisieren. Es würde reichen, wenn einer vom Bauhof hingeht, aufsperrt und der Standler baut selber auf. Oder die Gemeinde baut den Markt auf und ab, weil ihr der Markt etwas bedeutet. Ist er doch für alle da.

Was für ein Glück für Retz, denn das ehemalige Wirten-Ehepaar Adelheid Reisinger und Michael Vesely können nichts „nix tun“.

Das Bewusstsein für Genuss und nachhaltige Produkte hier noch stärken. 

Elisabeth Egle: Was wünscht ihr euch für die Zukunft?
Zum einen, dass sich der Markt nachhaltig etabliert und dass das eine oder andere „Spin off“ daraus entsteht. Dass die Gastronomie und Produzenten zusammenarbeiten. Das verlangt natürlich nach Flexibilität. Was ich zusätzlich machen möchte, ist ein kleines Markt-Kochbuch herauszubringen.
Quasi Produktschulungen. Ein „Marktheuriger“ schwebt uns ebenfalls vor, auf dem nur die Marktprodukte verarbeitet angeboten werden. 

Elisabeth Egle: Was bringt Ihnen Ihr ehrenamtliches Engagement?
Ich bin in einem Lebensabschnitt, in dem ich schon wieder etwas an eine Gemeinschaft zurückgeben kann. Ich sehe das fast als eine Verpflichtung an. Ein ganz egoistisches Motiv habe ich auch: Ich bekomme jetzt grandiose Genussprodukte vor der Haustür zum Kaufen. Und ich glaube schon, dass man das Bewusstsein für Genuss und nachhaltige Produkte hier noch stärken kann.

Genussmarkt im Retzer Land
Wochenmarkt
Jeden Samstag von 9 bis 14 Uhr geöffnet
Außer an Feiertagen, und zwischen Weihnachten und Neujahr
Am Hauptplatz