Christa und Richard Klinger: Einrichtungshäuser wären nicht glücklich mit uns

Es war ein Urlaub im Weinviertel, der die beiden ehemaligen Software-Unternehmer Christa und Richard Klinger aus Hamburg auf die Idee gebracht hat, sich näher mit Retz zu beschäftigen. 2008 haben sie das leerstehende historische Stadthaus, ein Totalsanierungsfall, aber zentral gelegen innerhalb der Stadtmauer, gekauft. Dazu kam ein paar Jahre später noch ein Nachbarhaus aus den 1970er Jahren. Authentisch und liebevoll restauriert, lässt sich hier das alte Retzer Stadtleben nachspüren – nur mit dem Komfort von heute. Wir haben sie in ihrem inspirierenden „Gästehaus Klinger“ besucht.

Fotos: Elisabeth Egle, Klaus Egle, Interview: Elisabeth Egle

Ein Gästehaus aufzumachen war vorher schon meine Idee. Wir haben uns gesagt, was machen wir denn im Alter? Wir würden es gerne so haben, dass die Welt zu uns ins Haus kommt. 

Christa Klinger

Elisabeth Egle: Wie seid ihr auf Retz gekommen? 
Richard Klinger: Die Entscheidung, nach Retz zu kommen, ist in mehreren Stufen gefallen. 
Wir hatten eine Softwarefirma und übergaben die an einen Partner. Dann haben wir uns gefragt, was machen wir jetzt? Wir waren offen für alles. Da kam uns die Idee, wir könnten nach Österreich gehen. Ich bin ja halber Österreicher.  Vielleicht eine Weingegend? Die Steiermark hätte uns auch gefallen, aber die war schon ziemlich besetzt und auf einen Verdrängungswettbewerb hatten wir keine Lust mehr. Christa hatte dann die Idee, ins Weinviertel zu fahren, weil es dort so schön ist. Ich kannte diese Gegend überhaupt nicht. 
Christa Klinger: Auf diesem Urlaub haben wir gar kein Haus gesucht. Es war von vornherein auch nicht klar, dass wir nach Österreich gehen. Am letzten Urlaubstag saßen wir dann nach einer Radtour auf dem Hauptplatz in Retz, es hatte eine Bruthitze und in einer Stunde fuhren gerade einmal zwei Autos um den Platz. Da hat Richard gesagt: „Das ist es!“

Auf einen längeren Kaffee: Weintler-Neudenker Gründerin Elisabeth Egle im Gespräch mit Christa und Richard Klinger.

Für uns fiel die Entscheidung für dieses Haus ganz leicht, weil die Lage entscheidend war. Den Baukörper kann man verändern, die Lage nicht. 

Richard Klinger

Elisabeth Egle: So ein Entscheidungsprozess passiert nicht über Nacht. Wie habt ihr das gemacht? 
Christa Klinger:
 Wir sind zurück nach Hamburg gefahren und haben am Schreibtisch begonnen, konkret zu suchen, obwohl uns noch nicht klar war, was wir wollen. Ist es ein Winzerhof auf der grünen Wiese oder doch etwas Zentrales? 
Dann sind wir wieder mit ein paar Immobilienangeboten in die Gegend von Retz gefahren. Unter den Angeboten war auch dieses Haus. Im Inserat stand nur nicht, wo es genau war und noch dazu war es sehr schlecht fotografiert. Wir haben gedacht, das Haus ist bis oben hin feucht und wollten es gar nicht anschauen. Wir hatten vorher schon einige ‚Bastlerhits‘ besichtigt und sind noch nicht fündig geworden. Dann sitzen wir wieder auf dem Hauptplatz, schauen die Gasse hinunter und stellten fest: Da steht es ja! 
Richard Klinger:  Für uns fiel die Entscheidung für dieses Haus dann ganz leicht, weil die Lage entscheidend war. Innerhalb der Stadtmauer, große Fläche, nicht feucht und nicht verbastelt, richtig gut. Den Bauerkörper kann man verändern, die Lage nicht. 

Wir wussten schon ungefähr, was wir wollen und haben uns mit einem Architekten zusammengesetzt.

Christa Klinger

Elisabeth Egle: Ein Gästehaus in Retz aufzumachen, war das von Beginn an geplant? 
Christa Klinger:
 Das war vorher schon meine Idee.  Wir haben uns gesagt, was machen wir denn im Alter? Setzen wir uns auf die grüne Wiese, ist uns zu langweilig. 
Wir würden es gerne im Alter so haben, dass die Welt zu uns ins Haus kommt. 
Richard Klinger: Ich war da offen und habe mir gesagt, das trage ich mit, weil doch Christa die Softwarefirma mitgetragen hat. 

Elisabeth Egle: Auf rund 500 Jahre Geschichte blickt euer Haupthaus zurück. Wie startet man da mit einer Renovierung?
Christa Klinger: Wir wussten schon ungefähr, was wir wollen und haben uns mit einem Architekten zusammengesetzt. Aber dadurch, dass wir noch voll berufstätig waren, haben wir uns Zeit lassen können. So hatten wir das Glück, dass wir 2012 das Nachbaranwesen aus den 1970er Jahren dazu kaufen konnten. 
Richard Klinger: Damit hat sich die ganze Planung verändert. Wasser, Heizung und Strom mußten erneuert werden, das war der Anfang. Durch Zufall haben wir erfahren, dass vor unserem Haus die Fernwärme gelegt wird. So haben wir glücklicherweise einen Fernwärmeanschluss bekommen. 

Wir werben mit ‚Dem NICHTS‘, das bietet Raum für Entspannung.

Richard Klinger

Elisabeth Egle: Gab es Überraschungen während der Renovierung?
Richard Klinger:
 An den ursprünglichen Grundmauern wurde wenig verändert. 
Christa Klinger: Im Wohnzimmer haben wir die Wandmalereien und die Holzdecke freigelegt und in einem der  fünf Gästezimmer konnte ein entdecktes Wandfresko erhalten werden. Ansonsten haben wir keine großen Überraschungen erlebt.  Es war eine sehr gute Zusammenarbeit mit den lokalen Handwerkern.

Elisabeth Egle: Das klingt ja alles wunderbar. Wie gelingt euch das Schaffen von Privatsphäre? 
Christa Klinger: Wir haben eine Privatwohnung im 1. Stock, das ist für uns ein energetischer Rückzugsbereich. 

Elisabeth Egle: Eure Gäste treffen ein, und machen ihr eigenes Programm. Wann kommt ihr mit ihnen ins Gespräch?
Christa Klinger:
 Meistens während des Frühstücks. Das ist schon wichtig, weil man sonst keinen bzw. wenigKontakt mit den Gästen hat. Wir kommen ins Gespräch und sie fragen uns nach Tipps. 

Elisabeth Egle: Was glaubt ihr, was die Gäste so an euch schätzen? 
Christa Klinger: Auf alle Fälle das Konzept, kein Fernseher, nur Musik und Bücher, die Ruhe, 
Richard Klinger: Ja, wir werben mit ‚Dem NICHTS‘, das bietet Raum für Entspannung.

Ich möchte Altes erhalten und Neues gestalten und könnte schon wieder Häuser einrichten.

Christa Klinger

Elisabeth Egle: Wer sucht das Nichts?
Richard Klinger: 
Es gibt zum Beispiel auch jüngere Großstadtgäste, die voll im Berufsleben stehen und den ganzen Tag im Einsatz sind. Die sind froh, hier „im Nichts“ ihre Ruhe zu haben. Hier im Weinviertel, im Retzer Land und im Thayatal-Nationalpark tut sich eine großartige Naturlandschaft auf.  Wir hatten unlängst einen Gast aus München, der kommt sofort wieder mit seiner Frau. Er findet die Landschaft so schön, das Hügelige und das Weite. 

Elisabeth Egle: In beiden Häusern stecken so viel Kreativität und Wohninspiration. Schaut man sich um, tun sich unerwartete Blickwinkel auf. Von wem kommt diese Liebe zum Detail? 
Christa Klinger:
 Das ist Meines. Ich möchte Altes erhalten und Neues gestalten und könnte schon wieder Häuser einrichten (lacht).
Richard Klinger: Also Einrichtungshäuser wären nicht glücklich mit uns. Die Sachen haben wir über die Jahre zusammengetragen.  Außerdem haben wir die Einrichtung unseres großen Hamburger Hauses hier gut untergebrachten.  

Musik ist momentan meine Leidenschaft und ich möchte in meinem Alter noch aktiv in die Musik einsteigen.

Richard Klinger

Elisabeth Egle: Wurde eure Entscheidung, Hamburg zu verlassen von der Familie in Frage gestellt?
Christa Klinger: Die Familie war schon ziemlich erstaunt über unere Entscheidung, aber hat es akzeptiert.Erstens muss man immer wieder Räume durchschreiten und etwas Neues und frische Luft hereinlassen. Dann haben sich viele Dinge „erfüllt“. Das Haus in Hamburg hat sich „erfüllt“. Die Kinder hatten kein Interesse daran, wir waren zu alt für die Softwarebranche und rund um unser Haus wurden wir umzingelt von neuerbauten „Palästen“ . In dieses Haus hier sind wir hinein und haben gewusst, dass es geht. Wir sind angekommen – und das ganz ohne Businessplan. So haben wir immer gearbeitet. 

Elisabeth Egle: Eure Gäste üben sich in Müßiggang. Wie schaltet ihr ab?
Christa Klinger:
 Ich habe mich gefragt, woran hätte ich Freude. Mit einem kleinen Cabrio-Oldtimer. Da brause ich durch die Gegend und jauchze vor Freude.
Richard Klinger: Musik ist momentan meine Leidenschaft und ich möchte in meinem Alter noch aktiv in die Musik einsteigen. Das sind unserer Träume und die haben wir uns gegönnt.

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