Biologin Franziska Denner sagt, die Insekten sind ihre Mitarbeiter.

Die Weinviertler Trockenrasen spielen in der beruflichen Karriere von Biologin Franziska Denner eine besondere Rolle. Die Begeisterung für diese Hochburgen der Artenvielfalt hat sie nach dem Biologiestudium an der Universität Wien und zehn Jahren als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Naturhistorischen Museum Wien zu ihrer heutigen Berufung gebracht: die Insekten und ihre Bedeutung in den Ökosystemen. Seit zehn Jahren lebt sie mit ihrem Mann Manuel Denner und ihren drei Kindern auf einem Bauernhof in Hörersdorf. Acht Schafe, zwei Hütehunde und eine Schar Sulmtaler Hühner mit stolzem Hahn teilen sich mit der Familie das weitläufige Gelände mit klassischem Weinviertler Hintaus. Wir wollten von ihr wissen, wie man auf Insekten als Beruf kommt und was man daraus im Weinviertel macht.

Interview: Elisabeth Egle, Fotos: Klaus Egle

Ich sehe mich als Wissensvermittlerin, die Zusammenhänge lebendig macht.

Elisabeth Egle: Was macht eine Biologin im Weinviertel?
Franziska Denner: Das Weinviertel war schon immer meine Gegend. Bereits im Studium auf der Universität Wien haben mich die Trockenrasen, die auch im Weinviertel zu finden sind, fasziniert. Ich habe darüber meine Diplomarbeit verfasst. Mein Spezialgebiet waren die Netzflügler. In der Theorie habe ich alles über sie gewusst, aber nicht, wie sie tatsächlich leben und was sie für ökologische Ansprüche haben. Es war mein Mann, der mich auf die Hintergründe gebracht hat. Meine  Leidenschaft zu Insekten lebe ich jetzt beruflich aus – sowohl wissenschaftlich als auch in der Umweltbildung.

Insekten sind mit Abstand die vielfältigste Tiergruppe. 

Elisabeth Egle: Wie kommt man auf die Idee, sich um Insekten zu „kümmern“?
Franziska Denner: Verglichen mit 101 Säugetierarten finde ich die rund 40.000 Insektenarten viel spannender (lacht). Insekten sind mit Abstand die vielfältigste Tiergruppe. Ich habe den wissenschaftlichen Hintergrund und möchte mit meinem Angebot diese Faszination weitergeben. Gerade bei uns im Weinviertel spielt die Kulturhistorie und landwirtschaftliche Nutzungsgeschichte überall mit hinein. Ich sehe mich als Wissensvermittlerin, die diese Zusammenhänge lebendig macht. Und die Insekten sind dabei meine Mitarbeiter.  

Vlnr.: Franziska Denner und Wein4tler Neudenker-Gründerin Elisabeth Egle schreiten den grandiosen Hintaus mit seinen vielen Stadeln ab.

Elisabeth Egle: Es geht Ihnen um Aufklärung und Bewusstseinsbildung?
Franziska Denner: Ja, ich möchte Werte vermitteln und Berührungsängste abbauen. Im Verein Auring in Hohenau an der March habe ich erstmals mit der Naturvermittlung begonnen und das Thema Insekten neu eingebracht. Gemeinsam mit der Leader-Region Östliches Weinviertel (Anm. Redaktion ein Maßnahmenprogramm der Europäischen Union zur Förderung des ländlichen Raumes) kann ich selber Projekte verwirklichen, die mir am Herzen liegen. Wir entwickeln auch Naturschutz- und Umweltprojekte und setzen diese gemeinsam mit Partnern um.

Ich möchte Werte vermitteln und Berührungsängste abbauen.

Elisabeth Egle: Wer ist „Wir“?
Franziska Denner: Mein Mann Manuel Denner und ich. Er hat ein Technisches Büro für Landschaftsplanung, ist Schutzgebietsbetreuer des Europaschutzgebietes Weinviertler Klippenzone und hat vor kurzem das Sachbuch über den Mittelwald im Weinviertel herausgebracht.

Guglhupf und Kaffee im Hintaus, was für ein schöner Morgen.
Schritt für Schritt wird der Bauernhof von den Denners hergerichtet.

Ich setze gezielt meine Schwerpunkte.

Elisabeth Egle: Bei Kindern geht das sicher leichter, ihnen spielerisch die Insekten näher zu bringen. Wie kann man bei uns Erwachsenen, die wir einen leichten Ekel vor vielen Insekten haben, mehr Sympathie für sie wecken?
Franziska Denner: Ich glaube, es ist schwierig, diesen Ekel zu überwinden, wenn man keinen direkten Kontakt mit den Insekten hat. Aus diesem Grund freue ich mich über jede Insektenexkursion mit Erwachsenen, die ich machen darf. Weil dann 15 Teilnehmer am Schluss sagen, was für eine coole Sache, so hätten sie das noch gar nicht betrachtet.

Elisabeth Egle: Aber alle reden über das Bienensterben, welches ist gemeint?
Franziska Denner: Beim „Bienensterben“ gibt es zweierlei: Einerseits bestimmte Erkrankungen und Gefahren für die Honigbiene. Da ist es aber Aufgabe des Imkers, sich darum zu kümmern. Andererseits gibt es Bienensterben unter Wildbienen: Hier sind tatsächlich Arten vom Aussterben betroffen, und es gibt einen massiven Rückgang bei den Individuenzahlen. Da liegt es an uns, den Wildbienen durch Bereitstellen von Nahrung und Nistmöglichkeiten zu helfen. Bei 700 Arten von Wildbienen aber keine einfache, sondern eine sehr komplexe Sache.

Die Insektenarten-Vielfalt nimmt stetig ab.

Elisabeth Egle: Lässt Sie das manchmal verzweifeln?
Franziska Denner: Ja, manchmal schon, aber ich habe meine eigene Strategie in den letzten Jahren entwickelt. Ich setze gezielt meine Schwerpunkte. Dort, wo ich was ändern kann, da hänge ich mich rein. Ich kläre auf, bilde Bewusstsein und vermittle. Und das, was ich nicht ändern kann, versuche ich auszublenden.

Elisabeth Egle: Haben wir wirklich so ein großes Insektensterben?
Franziska Denner: Ja, die Artenvielfalt nimmt kontinuierlich ab. Ich sage immer, man müsste eine Zeitreise 300 Jahre zurück machen. Wie hat es da bei uns ausgeschaut? Sehr viele kleine Strukturen, es gab viel Weidewirtschaft, kleine Felder und Kreislaufwirtschaft. Im Prinzip ging das so über Tausende von Jahren. Mit der Modernisierung der Landwirtschaft hat das nach dem 2. Weltkrieg rapide aufgehört. Die Felder wurden zusammengelegt, die extensive Weidenutzung wurde aufgegeben, und die Tiere werden heute im Stall gehalten. So kam es zum Verlust der meisten Trockenrasenflächen und vieler anderer Lebensräume durch Verwaldung, Verbuschung und Umwidmung in Bauplätze für Siedlungen.

Wir haben im Weinviertel eine menschengeprägte Kulturlandschaft.
Früher hatte jeder einen Bauernhof und hielt sich Tiere mit Weidegang.

Elisabeth Egle: Wie schaut das konkret im Weinviertel aus?
Franziska Denner: Das muss man immer im Zusammenhang sehen. Wir haben im Weinviertel keine – vom Menschen gänzlich unbeeinflusste – Naturlandschaft, sondern eine menschengeprägte Kulturlandschaft. Das, was uns hier umgibt, ist alles aufgrund der Nutzung über Jahrtausende entstanden. Aufgrund der Aufgabe und Änderung der Nutzung wie der Weidebewirtschaftung haben wir jetzt die Naturschutzprobleme. Früher hatte jeder einen Bauernhof und hielt sich Tiere mit Weidegang. Es gab eine Kreislaufwirtschaft, die Nährstoffe zum Beispiel in Form von Mist blieben in der Gegend und es gab kaum Pestizideinsatz und Überdüngung. Und ganz wichtig, es gab offene Böden für die Insekten.

Der ehemalige Misthaufen im Innenhof ist heute ein Gemüsegarten. Im Hintergrund die Auslauftüren für die Schweine.

Was man heute machen kann, ist soviel wie möglich von der ehemaligen traditionellen landwirtschaftlichen Nutzung zu erhalten und auch rückzuführen.

Elisabeth Egle: Was heißt „offener Boden“?
Franziska Denner: Als offene Böden sind hier lückige Wiesen- und Weideflächen, Ackerränder, Feldwege oder Raine zu verstehen, die durch ihren lockeren Bewuchs Licht bis zum Erdboden durchdringen lassen. Wenn gemulcht und gehäckselt wird, bedeckt eine dichte Mulchschicht die Vegetation und einjährigen Pflanzen können nicht keimen. Übrig bleiben vor allem monotone Grasfluren.

Besonntes Totholz im Garten ist ein Eldorado für die Holzbiene.

Elisabeth Egle: Es gibt in der Natur für alles die beste Lösung. Nur wenn der Mensch dazukommt, wird es problematisch. Stimmt das?
Franziska Denner: Nein, das wäre zu stark vereinfacht. Vor über 7.000 Jahren haben die ersten Ackerbauern im Weinviertel begonnen, die Landschaft zu gestalten und zu verändern. Das zeigen jungsteinzeitliche Funde in Kleinhadersdorf. Trotz der Nutzung der Landschaft blieben viele der ursprünglich vorhandenen Lebensräume erhalten. Es kamen sogar neue hinzu, wie zum Beispiele die Ackerflächen. Der Unterschied zu heute ist nur, dass wir das nun in einem ungleich intensiveren Maßstab durchführen, als es über Jahrtausende hinweg überhaupt möglich war.
Was man heute machen kann, ist soviel wie möglich von der ehemaligen traditionellen landwirtschaftlichen Nutzung zu erhalten und auch rückzuführen.

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