Andi Breuss, der Lehmflüsterer

Im Weinviertel, das auch Lehmviertel heißen könnte, weil wir soviel davon haben, bahnt sich eine Bausensation an. Gelingt es dem Planer Andi Breuss sein wissenschaftliches Forschungsprojekt durch alle Tests zu bringen, dann gibt es für den dreigeschossigen Wohnbau mit Lehm als Baustoff ein fertiges System, das variabel jede Architektur zulässt. Bisher wird Lehm von der Bauindustrie stiefmütterlich behandelt, weil das Arbeiten sehr aufwendig und teuer ist. Damit würde der vielseitige Baustoff aber interessant werden, um Normen zu entwickeln, mit denen der Bauplaner arbeiten kann. Das käme einer Baurevolution gleich.
Nach seinem Studium der Holzbauarchitektur an der Kunstuniversität Linz beschäftigt sich Andi Breuss seit etwa 20 Jahren mit natürlichen Baustoffen, insbesondere Holz, Stroh und Lehm. 2005 hatte er die Möglichkeit, das Lehmhaus von Freunden in Mitterretzbach auszubauen und zu sanieren. Das Projekt wurde zu seinem „Signature House“ in Sachen Lehmbau,.
Mit seinem Büro in Wien setzt er Lehm mit neuen innovativen Lösungsansätzen ein und verknüpft ihn mit einer zeitgemäßen Architektur. Seit 2010 ist er an der New Design University in St. Pölten für das Fach Baukonstruktion und Materialkunde der Studienrichtung Innenarchitektur als Lehrbeauftragter tätig. Wir haben Andi Breuss auf seinem Grundstück in Mitterretzbach getroffen. Dort befindet sich eine große Lehmgrube für seine Experimente und der ideale Ort für sein revolutionäres wissenschaftliches Forschungsprojekt.

Interview: Elisabeth Egle und Klaus Egle, Fotos: Elisabeth Egle und Klaus Egle

Die Lehmgrube liegt hinter dem Haus. Im Herbst wurden Tonnen an Lehm ausgebaggert.
Der Lehmberg durfte jetzt mehrer Monate lagern.
Lehm ist ein reines Naturprodukt.
Andi Breuss erklärt Elisabeth Egle, wie es gelingt, den Lehm feinkörnig zu bekommen – viel Frost ist erwünscht.

Ich habe immer versucht, ökologisches Bauen mit Lehm auch mit einer guten, g’scheiten Architektur zu verbinden.

Elisabeth Egle: Das Weinviertel blickt auf eine große Baukultur mit Lehm zurück. Trotzdem haben wir den Eindruck, so wirklich schlägt sich Lehm als Baumaterial vor Ort in der heute sehr regen Bautätigkeit nicht nieder. 
Andi Breuss: Der Lehm, der rund um Retz verbaut wurde, stammte ja größtenteils aus Schattau über der tschechischen Grenze ebenso wie die berühmten Schattauer Fließen, die man hier in vielen alten Häusern noch sieht. Das war ja ein großer Kulturraum mit Znaim als Mittelpunkt aber der ging leider verloren, durch die Grenze und weil in Tschechien ja großteils die Bevölkerung ausgetauscht wurde. Die Menschen die jetzt in Grenznähe leben haben kaum einen Bezug zur alten Kultur, darum ist es auch so schwer, da wieder anzuknüpfen.

Elisabeth Egle: Planer mit Lehmbau-Expertise müssten aber heute in Zeiten des Klimawandels sehr gefragt sein, oder?
Andi Breuss: Komischerweise bin ich, was Lehm- und Holzbau angeht, immer noch ziemlich allein auf weiter Flur. Mich wundert das sehr, dass nicht andere Planer das auch schon längst für sich entdeckt haben aber da passiert wenig. Darum werde ich ganz schnell im Internet gefunden, wenn jemand im Zusammenhang mit Bauen nach den Stichworten „Holz“ und „Lehm“ sucht. 

Elisabeth Egle: Wer ist das, der zu Ihnen kommt und was ist den Leuten wichtig?
Andi Breuss: Interessanterweise kommen fast alle über das Internet. Manchmal werde ich auch weiterempfohlen, also klassische Mundpropaganda, aber die allermeisten meiner Bauherren und „Baufrauen“ – man müsste da einmal einen Namen finden, ich sage halt „Bauherrinnen“ – kommen über das Internet. Fast jeder, der mich kontaktiert, hat das Video von der Sanierung des alten Lehmhauses in Mitterretzbach gesehen und diese Art des Bauens gefällt den Leuten. Da sehen sie dann auf der Homepage, wie ich das angehe.
Ich habe ja immer versucht, ökologisches Bauen mit Lehm auch mit einer guten, g’scheiten Architektur zu verbinden. Nicht diese so genannte „Öko-Architektur“, wie man sie in den 80ger Jahren hatte, sondern eine schöne, sinnliche Architektur. Und diese Verbindung ist dann schon sehr attraktiv. Die Leute, die da auf mich zukommen, sind eher jünger, so Anfang dreißig. Die bauen ihre Familien auf, Geld ist offensichtlich durch Eltern oder Erbschaft vorhanden, weil anders kannst Du heute gar nicht mehr bauen. 

Der Fußboden im Wohnhaus ist aus Stampflehm.
Für diese hinterlüftete Dusche in Vorarlberger Weisstanne ist Andi Breuss bekannt. Funktioniert nur, wenn die Wand dahinter aus Lehm ist.
So geht eine Zimmertür. Hinauf bis zur Decke und in unbehandelter Weisstanne.

Ich will keine komplizierten Gebäude. Man soll vor allem einen Mords-Spaß daran haben, darin zu wohnen.

Elisabeth Egle: Gibt es da Standardfragen, die von den Leuten gestellt werden? Bauen hat ja auch viel mit Vertrauen zu tun…
Andi Breuss: Die Leute haben dieses Vertrauen eigentlich schon, wenn sie zu mir kommen, sie sehen meine Auszeichnungen und Preise, die ich gewonnen habe, meine Projekte und meine Vorträge – und ich muss denen dann gar nichts mehr erklären. Die beschäftigen sich im Vorfeld schon sehr intensiv damit und kennen meine Homepage meistens schon auswendig.

Elisabeth Egle: Sie bauen aber auch Projekte wie das Co-Housing-Projekt im Waldviertel, die den Zeitgeist treffen ohne dabei kompliziert oder esoterisch zu sein. 
Andi Breuss: Mir ist ein einfacher Zugang wichtig. Ich will keine komplizierten Gebäude, die sollen einfach zu handhaben und zu bedienen sein und man soll vor allem einen Mords-Spaß daran haben, darin zu wohnen. Ich habe keinen Zugang zu Smarthomes, bei denen alles gesteuert ist. Ich will bei unserer Espressomaschine auch keinen Portionierer haben, ich will den Kaffee selbst portionieren und reindrücken. Genauso will ich Gebäude, die man selbst bedienen kann. 

Elisabeth Egle: Geht das mit jedem Baumaterial?
Andi Breuss: Die Unterstützung für diesen Zugang ist das Material Lehm. Wenn ich ein Haus aus Gipskartonplatten baue, dann kriege ich das thermisch nie in den Griff. Aber wir wohnen in Wien in einem Dachboden, den wir selbst ausgebaut haben und da ist in den Böden und Wänden so viel Lehm, dass ich auch im Sommer keine Klimaanlage brauche. Es reicht, in der Nacht die Fenster aufzumachen und sie in der Früh zu schließen – das ist für mich eine einfache Handhabung, die auch im Hochsommer gut funktioniert. Viele Leute suchen aber genau das, dass sie selbst etwas machen können. Es wird uns ja sowieso alles weggenommen, ich muss ja nicht einmal mehr eine Landkarte lesen, wenn ich wo hin will – ich muss es nur am Handy eintippen und dann brauche ich nicht mehr denken. 

Das Stallgebäude wird zu Gästezimmern ausgebaut. Lehm dominiert beim Innenausbau und die traumhafte Aussicht ist inkludiert.
Diese Geburtstagstorte ist zu 100 % aus Lehm.

Lehm kann als natürlicher Baustoff andere, künstliche Baustoffe und hier vor allem den Beton, ersetzen.

Elisabeth Egle: Was ist nun heute Ihr Fazit nach so vielen Jahren als „Lehmflüsterer“?
Andi Breuss: Dass der Lehm heute aus dieser Ecke herausgekommen ist, wo man einen Lehmputz und vielleicht einmal einen Lehmofen gemacht hat und das war’s. Es ist gelungen, wieder ein echtes Baumaterial daraus zu machen aber auch neue Anwendungen dafür zu finden und dadurch das Bauen verändern zu können. Mir war das am Anfang auch nicht so klar, was alles möglich sein wird aber was mich total fasziniert hat, war, dass man ein Haus bauen und das Material dafür auf dem eigenen Grund und Boden stammt. Das ist einfach sehr intelligent. 

Elisabeth Egle: Aus Ihrem Tun haben sich noch einige weitere spannende Dinge entwickelt. 
Andi Breuss:
 Der Lehm-Estrich oder mein Holz-Lehm-Bausystem oder die ganzen Abdichtungen, die benötigt werden, weil ja heute jedes Gebäude luft- und winddicht gemacht werden muss. Dafür braucht man üblicherweise Klebebänder und Folien und ich mache das jetzt mit Flies und Lehmschlämme. Ich hatte bei alldem natürlich auch das Glück, dass ich am Anfang, als ich noch viel erklären musste, mutige Bauherren hatte, die mir vertraut und mich machen lassen haben. Aber das Tolle ist: Die Experimente haben alle funktioniert. 

Elisabeth Egle: Ist Lehm als Baumaterial also jetzt durch?
Andi Breuss: 
Ich glaube, dass wir mit diesem Baumaterial erst am Beginn stehen. Es gibt den Martin Rauch in Vorarlberg, der tolle Projekte macht und damit den Lehm ins Gespräch bringt, aber das was er macht, ist eher auf große Projekte ausgerichtet und funktioniert im Wohnbau nicht. Aber beides ist wichtig. Auch bei der Forschung stehen wir erst am Anfang aber ich bin überzeugt, dass sich hier in den nächsten Jahren sehr viel tun wird, auch in Hinblick darauf, dass Lehm als natürlicher Baustoff andere, künstliche Baustoffe und hier vor allem den Beton, ersetzen kann. 

Die Küchenwand ist mit einem Lehmputz ausgeführt.

Wir müssen uns einfach mit dem Altbestand viel stärker auseinandersetzen und den weiter nutzen. Da sind auch die Planer und die Baufirmen gefordert, die gerne gleich einmal sagen „weg damit!“

Elisabeth Egle: Aber wir haben doch einen Klimawandel, nachhaltig bauen tönt es von allen Seiten. Für das Baumaterial Lehm müsste doch jetzt die Stunde kommen. 
Andi Breuss: Man redet zwar seit zwanzig Jahren über ökologisches Bauen aber das betrifft immer nur das Dämmen. Durch Förderungen hat man die Styropor-Industrie in lichte Höhen hinaufgetrieben, was natürlich ein wichtiger Ansatz war um den Energie-Einsatz für das Heizen und immer mehr auch für das Kühlen einmal zu reduzieren. Das ist aber nur ein Aspekt.
Der andere sind die Baumaterialien an sich, deren Herstellung ja auch unglaublich viel Energie frisst und Chemie braucht – und das wird noch viel zu wenig berücksichtigt. Und was wird gefördert? Wenn ich einen Neubau mit Styropor verkleide. Was im Grunde genommen Sondermüll ist, den ich irgendwann entsorgen muss.

Elisabeth Egle: Wir haben ein über 300 Jahre altes Haus kernsaniert und haben selbst erlebt, dass es in Niederösterreich keine klassische Altbauförderung gibt. 
Andi Breuss: Deshalb sind wir erst am Anfang. Auch wenn ich ein altes Haus mit ökologischen Materialien saniere, bekomme ich nichts dafür. Wir müssen uns einfach mit dem Altbestand viel stärker auseinandersetzen und den weiter nutzen. Da sind auch die Planer und die Baufirmen gefordert, die gerne gleich einmal sagen „weg damit!“ Damit tut man sich ja auch viel leichter. Man hat ein gewisses Honorar und es geht viel schneller, was Neues hinzuzeichnen – und auch zu bauen. Mit dem Altbestand muss man sich intensiv auseinandersetzen und auch die Planung ist aufwändiger, was natürlich viel Zeit braucht. 

Elisabeth Egle: Und wer ist da gefordert, damit das nachhaltige Bauen schneller in die Gänge kommt?
Andi Breuss: Zunächst natürlich die Politik, die Rahmenbedingungen dafür schaffen muss. Dann die Unis, auf denen nach wie vor viel zu klassisch gelehrt wird – es gibt zum Beispiel weder einen eigenen Lehrstuhl für Holzbau noch für Lehmbau. Da gibt es gerade einmal ein paar Seminare, wo man dann ein paar Lehmziegel macht und das war es schon wieder. Auch in der Baumeister-Ausbildung ist Lehm kein Thema, ein Lehrling muss überhaupt nie einen Lehmputz in die Hand nehmen. 

Ein Bauherr mit Mut macht zusammen mit Andi Breuss eine Verwitterungsstudie für seine neue Lehmfassade.

Preiswert und bauen, das sind zwei Wörter, die sich überhaupt nicht miteinander vertragen. 

Elisabeth Egle: Und was macht das „Netzwerk Lehm“?
Andi Breuss:
 Das „Netzwerk Lehm“, wo ich gemeinsam mit Univ.Prof. Andrea Rieger-Jandl Vorsitzender bin, versucht Lobbying-Arbeit zu machen, dass da in Zukunft mehr geforscht wird und der Lehmbau auch in der Ausbildung stärker berücksichtigt wird. Das sind zwar kleine Schritte, aber die Richtung stimmt. Die Planer sind natürlich auch gefragt, die sich weiterbilden müssen und nicht nur das machen, was sie schon kennen. Und die Bauherren müssen auch den Mut haben, etwas auszuprobieren. Jetzt habe ich zum Beispiel einen Bauherrn im Burgenland, für den mache ich eine Lehmfassade. Das geht eigentlich gar nicht aber wir probieren das jetzt. Der hat mir mehrere Kübel Lehm von seinem eigenen Grund gebracht, da haben wir Putzmuster gemacht und vor einem dreiviertel Jahr rausgestellt – als Verwitterungsstudie, damit wir sehen, welches Muster sich am besten eignet. Das ist natürlich toll, wenn ein Bauherr das mitträgt.

Elisabeth Egle: Und die Industrie?
Andi Breuss: Die ist natürlich auch ganz stark gefordert. Sie ist beim Lehm zwar klein, aber sie muss investieren, damit Richtlinien festgeschrieben werden können, mit denen der Planer arbeiten kann. Die gibt es leider noch nicht aber die müssen unbedingt her, damit der Lehmbau auch in die Breite gehen kann.

Elisabeth Egle: Was sind also die drei wesentlichen Punkte, die passieren müssten um das zu beschleunigen?
Andi Breuss: 
Erstens viel mehr Geld für Forschung, zweitens Lehrstühle für natürliches Bauen und Lehmbau an allen technischen Unis. Drittens braucht es eine einschlägige Ausbildung an der Baumeisterschule. Das wären die wichtigsten drei Dinge, die passieren müssten – dann würde sich auch die Industrie mehr für das Thema interessieren.

Beim Lehm brauche ich keinen Brennvorgang. Gips, Kalk, Zement – das muss immer alles gebrannt werden. 

Elisabeth Egle: Kann man mit Lehm auch kostengünstig oder preiswert bauen?
Andi Breuss: Preiswert bauen kann man heute leider gar nicht mehr – ob mit Lehm oder mit anderen Materialien. Preiswert und bauen, das sind zwei Wörter, die sich überhaupt nicht miteinander vertragen. Sie können heute auch mit minderwertigen Materialien bauen und es wird extrem teuer. Ich persönlich glaube, dass das Bauen mit natürlichen Materialien billiger werden müsste, weil die ganze Industrie dahinter wegfällt, die hohe Kosten verursacht. 

Elisabeth Egle: Was heißt das konkret?
Andi Breuss:
 Zum Beispiel brauche ich beim Lehm keinen Brennvorgang. Gips, Kalk, Zement – das muss immer alles gebrannt werden. Und das ist überhaupt nicht ökologisch und bindet auch viele Ressourcen und kostet Geld. Wenn man die Baumaterialien vereinfacht und sie wie beim Holz oder Lehm praktisch eins zu eins der Natur entnehmen kann, dann muss es ganz einfach günstiger werden. Im Moment ist das zwar nicht der Fall, im Gegenteil, es ist alles teurer geworden, das ist aber nicht logisch und auf lange Sicht glaube ich, dass es günstiger werden müsste. Aber ehrlich gesagt verstehe ich die aktuellen Baupreise sowieso nicht, da ist alles geradezu absurd teuer geworden. 

Elisabeth Egle: Eine Frage an den studierten Soziologen Andi Breuss. In den Orten in Niederösterreich gibt es viel Leerstand. Dafür entstehen an den Ortsrändern fast im Wildwuchs Siedlungen ohne Kern. Macht das was mit den Menschen, die dort leben?
Andi Breuss: Ich denke, wenn man das mit den alten Strukturen vergleicht, dann gab es da private und öffentliche Räume, also Rückzugsmöglichkeiten aber auch kommunikative Plätze. In diesen neuen Siedlungen gibt es dagegen nur noch Rückzugsräume, keine kommunikativen Räume mehr. Man grenzt sich mit Hecken, Zäunen oder Gabionen ab und hockt da drin, kriegt aber trotzdem von den Nachbarn alles mit, hört jedes Wort – aber der öffentliche, kommunikative Platz fehlt. Das macht sicher etwas mit den Menschen, es hat mit Gemeinschaft zu tun und ich könnte mir vorstellen, dass der Gemeinschaftssinn dadurch verloren geht. Wenn früher ein Problem war, wie dass eine Ernte ausgefallen ist, dann hat man gemeinsam eine Lösung gesucht. Heute gibt es das in der Form nicht mehr. 

Elisabeth Egle: Gibt es für Sie einen persönlichen Happy-Place, also wo Sie sich richtig wohlfühlen und zurückziehen können?
Andi Breuss: Das ist sicher unser Dachboden in Wien – wie wir den fertig ausgebaut hatten, war das ein richtiges Glücksgefühl und wir dachten, das ist echt ein Wahnsinn, was wir da jetzt gemacht haben. Und ich bin auch heute noch glücklich, wenn ich da hinkomme.

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